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18-09-23 11:02 Alter: 281 days

VON:MARK RIEMANN

60.000 € für den (bemalten) Boden einer Zigarrenkiste

Am 20.9.2023 wird im NEUMEISTER Münchener Kunstauktionshaus das Werk „Der Nachwächter“ von Carl Spitzweg den Bietern in einer Präsenz- und Online-Versteigerung zu einem Startpreis von 60.000 € angeboten.



In zwei Tagen zu ersteigern: Zigarrenkistenboden von Carl Spitzweg.

Das eigentliche Werk hat eine Größe von 21,1 x 13,9 cm und ist in einem Rahmen von 40 X 32,5 cm eingefasst. Den besonderen Mehrwert für den Aficionado finden wir auf der Rückseite des Bildes. Man erkennt, dass Carl Spitzweg sein Werk auf den Deckel einer Zigarrenkiste aus der traditionellen kubanischen Zigarrenproduktion von H. Upmann malte.

Dieses Detail, welches dem einfachen Betrachter verborgen bleibt, lässt einige Schlüsse auf das Gemälde und den Künstler zu.

Die Zigarrenkistenverwendung lässt vermuten, dass Carl Spitzweg Zigarrenraucher war. Internet-Recherchen bestätigen diese Vermutung. So schreibt die Seite „Art in words“: „Der zeitlebens unverheiratete Künstler aus München reiste unentwegt und fand in Bayern, dem Voralpengebiet und in Werken der Alten Meister Motive wie Inspirationen. Seine kleinformatigen Gemälde, die Carl Spitzweg oft auf Deckeln von Zigarrenkisten malte, verkauften sich bestens.“ Also ausreichend Geld für den Kauf von hochwertigen Zigarren hatte er somit. Er lebte nicht wie der arme Poet, dargestellt in einem seiner bekanntesten Werke.

Die Zigarrenproduktion von H. Upmann wurde auf Kuba in Havanna im Jahre 1844 von den deutschen Brüdern August und Hermann Upmann aufgenommen. Das „H“ in der Markenbezeichnung der Longfiller Zigarren „H. Upmann“ steht wahrscheinlich als Abkürzung des spanischen Wortes für Brüder, sprich Hermanos.

Im Werkeverzeichnis von Siegfried Wichmann wird „Der Nachtwächter“ auf das Jahr 1875 datiert. Die verwendete Zigarrenkiste könnte dann aus dem dreißigsten Produktionsjahr von H. Upmann stammen.

Ich stelle zudem die These auf, dass Carl Spitzweg die Premium-Zigarren von H. Upmann favorisierte, denn er war ein Feingeist, Genußmensch und trotz großer Reiselust fest im Süden Deutschlands verwurzelt. Eine Wahl von Zigarren aus kubanischer Produktion unter deutscher Leitung könnte eine perfekte Kombi für den Genußmensch aus Deutschland gewesen sein.

Diese Geschichte könnte uns vielleicht auf die oft gestellten Fragen Auskunft geben: Wie kann man Zigarrenkisten sinnvoll weiterverwenden? Und...  „Wie kann man mit Passion und einem Stück Talent den eigenen Zigarrenkonsum finanzieren?“

Mündet das Talent in künstlerisch anerkannte und begehrte Werke, so kann dies eine fulminante Entschädigung für lieb gewonnene Personen, die Zigarrenrauch nicht zu schätzen wissen, sein. Dann kann jeder Rauchausstoß eines solchen Aficionacados mit lieblichem Goldstaub gleichgesetzt werden.

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