24-05-07 08:00 Alter: 5 yrs
VON:HB
Aus der Tiefe der Jahre • Davidoff Chateau Mouton Rothschild
Mitte der sechziger Jahre. Ich war noch ein Kind, erinnere mich aber sehr gut. Ich sehe meinen Vater vor mir, bei seinem Bekannten in dem kleinen, im Gegensatz zu heute nur kärglich und zweckmäßig eingerichteten Kassenraum der örtlichen Tankstelle sitzend, unzählige karierte Heftchen voll schreibend, in dem letztendlich vergeblichen Versuch, ein todsicheres Lottosystem zu entwickeln, dabei mächtige Qualmwolken ausstoßend, hervorgerufen durch seine dicken, dunkelbraunen 30-Pfennig-Brasils der Marke „Fehlfarben“.
 |   Davidoff • Chateau Mouton Rothschild
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Er nutzte in seiner Freizeit jede mögliche Gelegenheit, dieser Leidenschaft, die für ihn einen nahezu meditativen Charakter besaß, zu frönen. Ich hingegen konnte den Gestank überhaupt nicht leiden.
Mitte der siebziger Jahre. Ich verdiente als Lehrling mein erstes Geld, konnte und wollte daher meinem Vater zum Geburtstag mal etwas wirklich Gutes gönnen. In den Medien waren die Abenteuer des Harald Juhnke schon damals ein schier unerschöpfliches Thema, mir war daher auch bekannt, dass Herr Juhnke kubanische Zigarren der Marke Davidoff rauchte. Mir war natürlich klar, dass dies dann wohl das Nonplusultra in der Zigarrenwelt darstellen musste. Also kaufte ich meinem Erzeuger fünf Davidoff Chateau Mouton Rothschild in einer Pappschachtel, für eine meiner damaligen Vorstellung nach horrende Summe, nur für ein paar Zigarren.
Wenig später teilte er mir dann mit – zwar zu meiner großen Enttäuschung, aber wenigstens ehrlicherweise – dass ihm diese überhaupt nicht schmeckten, und dass sowieso nichts über seine Brasil-Stumpen gehe. Was er auch heute immer noch steif und fest behauptet.
Zeitwechsel in die Gegenwart. Mein Vater hat das Rauchen bereits vor über zwanzig Jahren aufgegeben, dafür habe ich vor einigen Jahren meine Leidenschaft für Zigarren entdeckt, vielleicht auch inspiriert durch diese Kindheitserinnerung. Im Gegensatz zu ihm habe ich mich nach einer anfänglichen Geschmacksfindungsphase endgültig für die Havannas entschieden, dies ist aber bitte nicht als generelle Wertung gegenüber anderen Provenienzen zu verstehen. Reine Geschmackssache halt, wobei ich, zugegeben, seine damals bevorzugten Fehlfarben gleich übersprungen habe, auch wenn er dafür bis heute keinerlei Verständnis zeigt, und ich mich dafür im Gegenzug auch niemals entschuldigen werde.
Wir haben seitdem oft über Zigarren geredet, genauer gesagt gestritten, und irgendwann erwähnte er mal ganz beiläufig, dass die Davidoffs eigentlich noch existieren müssten. Ich war sofort elektrisiert, und nach Durchsuchung der Schrankwände im Wohnzimmer fiel mir tatsächlich diese alte, vergilbte Pappschachtel in die Hände. Gespannt habe ich sie geöffnet, in der sicheren Erwartung, nur noch Tabakbrösel darin vorzufinden. Aber dem war überraschenderweise nicht so, es kamen vier cellophanierte, optisch wunderschöne Zigarren im Coronaformat zum Vorschein. Auch im Drucktest einwandfrei, wie eine sofortige und sorgfältige Prüfung ergab. Dazu war ein sehr kräftiger, wunderbar aromatischer Tabakgeruch zu vernehmen. Fast unglaublich.
Konnte es wirklich sein, dass die Zigarren nach 30 Jahren Lagerung im Wohnzimmerschrank, außerhalb eines Humidors, dies unbeschadet überstehen würden und womöglich noch rauchbar sind? Alle Erfahrungen sprechen dagegen.
Ich habe die Zigarren nun für längere Zeit im Humidor gelagert, voller Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Wiederbelebung. Die beschriebenen sensorischen Eigenschaften haben sich dabei eigentlich nicht verändert, alles machte nach wie vor einen sehr positiven Eindruck. Und letztes Wochenende habe ich endlich eine probiert.
Ich habe mit der teilweise recht blumigen Beschreibungsweise der einschlägigen Fachliteratur meine Probleme, und den Geschmack dann auch in solcher Form wiederzugeben, fällt mir dementsprechend schwer. (Vielleicht liege ich auch deshalb im Habanos-Experten-Wettbewerb immer falsch?!) Spaß beiseite, das Ergebnis ist in der Tat schnell erzählt. Die sensorischen Eindrücke täuschen, denn die Zigarre hat immens an Aromen verloren. Sie hat aber auch nicht beißend nach Heu oder Stroh geschmeckt, wie man vielleicht stattdessen erwarten würde. Nein, der Geschmack war einfach nur leicht, dabei zwar durchaus nicht unangenehm, aber leider irgendwie recht flach. Abbrand und Zug hingegen waren tadellos, die Asche kompakt, sehr fest und nahezu blütenweiß. So würde man sich jede Zigarre wünschen.
Aber gut, auch wenn ich jetzt definitiv weiß, dass sie leider nicht mehr schmecken, die restlichen drei Davidoffs werden für immer einen Ehrenplatz in meinem Humidor behalten. Sie zu rauchen lohnt sich nicht mehr, aber der Kreis hat sich geschlossen, denn immer wenn ich die Zigarren betrachte, sehe ich meinen Vater vor mir....
Anmerkung: Der Teil der deutschen Steuerbanderole mit dem Preisaufdruck ist nicht mehr vorhanden, aber ich erinnere mich, dass ich damals um die 80 DM bezahlt habe. Erwähnenswert ist auch, dass diese Verpackungsform der Davidoff Chateau Mouton Rothschild, nämlich die 5er-Pappschachtel, in der Enzyklopädie von Min Ron Nee nicht aufgeführt ist. Über die Echtheit dieser Zigarren besteht aber wahrlich kein Zweifel.