23-11-07 07:00 Alter: 4 yrs
VON:HM
Ausgestorbene Schönheiten
La Flor de Henry Clay
Meinen ersten Kontakt zu einer fast vergessenen Diva hatte ich bereits als Kind. Im Wohnzimmerschrank eines Verwandten befand sich eine Zigarrenkiste mit allerhand Briefen, Postkarten und einer einsamen Zigarre darin. In geschwungener Schrift stand auf dem vergilbten Deckel „Henry Clay“. Rauchen durfte mein Verwandter auf ärztliche Anordnung nicht mehr – die Kiste mitsamt der Zigarre war ein Andenken an eine Reise nach Brüssel in seiner Jugend. Als Kind weckten die Postkarten und Briefe allerdings mehr mein Interesse.
Irgendwann nach meiner Volljährigkeit schenkte mir mein Verwandter die Kiste mitsamt Zigarre. Die Postkarten und Briefe behielt er. Zu diesem Zeitpunkt rauchte ich selbst noch nicht und die Zigarrenkiste geriet in Vergessenheit. Als ich vor einigen Jahren mit dem Rauchen anfing, erinnerte ich mich an diese Kiste und fand auch noch die Zigarre darin. Rauchen wollte ich das gute Stück (zunächst einmal) nicht, sie war gut und gerne 40 Jahre alt – dies ergab sich aus der Quittung eines Brüsseler Tabakhändlers aus dem Jahre 1956.
Ich legte die Kiste mitsamt Zigarre unter „schöne Erinnerungsstücke“ ab. Erst mit zunehmendem Wissen um Zigarren wurde mir bewusst, welch kleinen Schatz ich in der Hand hielt. Es handelte sich um eine Zigarre aus Kuba, aus der Zeit vor Fidel Castro, sah eigentlich noch immer rauchbar aus und verströmte ein angenehmes Tabakaroma – jedenfalls brachte ich sie umgehend in meinen Humidor.
Vor kurzem hielt ich das gute Stück erneut in Händen und mein Interesse erwachte erneut. Ich begann, mich auf die Suche nach Spuren dieser Marke in der Literatur zu begeben.
Namensgeber war der amerikanische Senator und Außenminister Henry Clay (*12. April 1777 im Hanover County, Virginia; † 29. Juni 1852 in Washington D. C.), der selbst Geschäftsverbindungen nach Kuba unterhielt und begeisterter Zigarrenraucher war. Auch anderen Genüssen war er nicht abgeneigt. Man sagt ihm nach, er habe während seiner Amtsperiode immer ein Fass Whiskey mit auf den beschwerlichen Weg von Kentucky nach Washington mitgenommen, um dort „das Räderwerk der Regierung zu ölen“.
Bereits kurz nach seinem Tod wurde von der Firma Julian Alvarez y Hermanos, San Nicolas 120 oder 128, Havanna, die Marke „Henry Clay“ registriert, die sie mindestens bis zum Jahr 1873 innehatte.
1868 hatten die Kämpfe um die Unabhängigkeit von Spanien und die Abschaffung der Sklaverei begonnen. Viele Tabakarbeiter verließen aufgrund politischer Verfolgung die Insel. Viele gingen nach Key West in Florida und begannen dort mit dem Aufbau einer Tabakindustrie. Einige ausländische Geschäftsleute zogen daraus ihren Nutzen. Die ersten Tabaktrusts wurden auf Kuba gegründet. 1887 gründete der Holländer Gustave Bock mit Hilfe englischer Fonds die Firma „Henry Clay and Bock Company Ltd“. Auf der Vista sind die Adressen „Calzada De Luya`no No. 100“ und als Depositär die „Calle de O Relly No. 9 ½“ benannt.
In der Folgezeit wurde der erfolgreiche Markenname auch der Name der Fabrik, die jedoch in den 1930er Jahren in den US-Staat New Jersey verlegt und wo zumindest auch ein Teil der Produktion der „Henry Clay“ fortgeführt wurde. Vollständig verschwand die Marke jedoch nicht aus Kuba. Noch 1940 ist sie von der Tabacalera Cubana, Agramonte 106, Havanna, registriert. Die Tabacalera Cubana war lange Zeit die größte Zigarrenfabrik Kubas. Vor dem Zweiten Weltkrieg verließen mehr als neunzig Marken die Produktionsstätten dieser Fabrik. Darunter waren Namen wie „Bock“, „La Flor de Cuba“, „A. de Villar y Villar“. Nach dem zweiten Weltkrieg erhielt die Fabrik den Namen „Henry Clay“ und heute trägt sie den wohlklingenden Namen „La Corona“.
Die Henry Clay selbst verschwand nach der Machtübernahme Castros und der Abschaffung der Habanos-Marken mit der Einführung der „Einheitszigarre“ „Siboney“ unter dem Monopol der staatseigenen Gesellschaft „Cubatabaco“ im Jahr 1960.
Heute wird eine kleine Auswahl guter, handgemachter Qualitätszigarren in der Dominikanischen Republik für die Consolidated Cigar Corporation in der Fabrik Tabacalera de Garcia in La Romana mit breitblättrigen Connecticut-Deckblättern und dominikanischem Tabak gefertigt. Eine zweite Linie wurde zeitweise in Danli, Honduras, hergestellt. Auf den Zigarrenkisten ist die frühere Fabrik von Henry Clay in Havanna zu sehen.
Meine Zigarre wird wohl noch einige Zeit im Humidor liegen. Vielleicht, an einem schönen Sommerabend oder zu einem ganz besonderen Anlass, werde ich sie ihrer Bestimmung zuführen – nach mehr als 50 Jahren.