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11-07-06 00:01 Alter: 15 yrs

VON:GH

Bremer Tabakbörse 2006 - Teil 1/3

Einschreibung, Dogge, Tempo, Stell – all dies sind ganz normale und gebräuchliche Begriffe, wenn innerhalb von zwei Tagen Tabak für rd. 6 Millionen Euro verkauft wird. Die diesjährige Bremer Tabakbörse brachte die Ernte Indonesiens aus dem Jahre 2005 zu den Zigarrenmanufakturen.



Für jeden Börsenteilnehmer gibt es ein Buch mit der Auflistung aller Tempi.


Stells - auf Ihnen werden die Doggen präsentiert.


Sauberst aufgereiht: Die Doggen.


Telekommunikation ist erkennbar kein Schwerpunkt der Börse.

Seit 1960 wird die Tabakernte Indonesiens (Sumatra und Java) auf der Bremer Tabakbörse gehandelt. Fanden in den Anfangsjahren, die zu den Boomjahren der Zigarre zählen,  noch sechs und mehr "Einschreibungen" jährlich statt, so ist es heute noch eine, auf der dann aber auch nur die besten Qualitäten – vornehmlich für Deckblätter – gehandelt werden.

Regularien und Gebräuche unterscheiden sich deutlich von jedem anderen bekannten Börsenbetrieb. 2.082 Ballen Sumatra und 1.112 Ballen Java Tabak wurden für die diesjährige Einschreibung nach Bremen verschifft und dort eingelagert. Aus den Ballen werden Proben gezogen und zu einem Bündel, genannt Dogge, zusammengefasst. Jede Dogge erhält die Dokumentation, die auch der Ballen trägt. „Andromeda PPN 73 1“ besagt, dass dieser Ballen mit dem Schiff „Androemda“ gekommen ist, „PPN“ ist die Bezeichnung für die staatliche Tabakplantagengesellschaft, „73“ steht für eine dazu gehörende Plantage und „1“ steht für die ersten abgenommenen Blätter.

Diese Doggen liegen dann auf so genannten Stells – Holzplatten, die auf Böcke gelegt sind –  für zwei bis drei Wochen zur Ansicht und Prüfung aus. In dieser Zeit erscheinen nicht nur die großen Industriekunden, die mehrere hundert Ballen kaufen werden, sondern auch die kleinen und mittelgroßen Tabakmanufakturen und prüfen die angebotenen Qualitäten.

In der ca. 2.500 Quadratmeter großen, vollständig klimatisierten Halle gibt es für Makler, Händler und deren Kunden kleine Besprechungsboxen. Hier geht es darum, einen Preis zu finden, den man später bieten will. Je größer das kaufende Unternehmen, desto größer auch die eigene Box.
Vom ersten Tag ab an beäugt jeder scharf die Konkurrenz. Wer häufig eine bestimmte Ware prüft, könnte daran ein starkes Interesse haben. Und das wiederum hat Auswirkungen auf den Preis. Also nimmt man seine eigenen Proben in die eigene Box mit und entzieht sich damit den Blicken der Mitbewerber.

Für jeden Handelsteilnehmer gibt es ein Buch, in dem jeder Ballen einzeln aufgeführt ist, sowie ausreichend Platz, um während der 14-tägigen Prüfungsdauer und den zwei Tagen Börse Notizen zu machen und vor allem, den Preis einzutragen, den man bieten will. Und wehe, man verliert oder verlegt sein Buch. Die Konkurrenz ist dankbar dafür, schon frühzeitig zu wissen, wer wie viel für welchen Ballen bieten wird. Um diesem – eventuell tödlichen – Missgeschick zu entgehen, verwendet jeder seinen eigenen Geheimcode,  mit dem er seine Eintragungen verschlüsselt. Ein Verlust des Buches bringt dem „Gegner“ dann nichts. Er müsste erst einmal den Code knacken.

Für den eigentlichen Kauf gibt es ebenfalls ein seit Jahrzehnten feststehendes Regularium. In einem abgetrennten, nicht einsehbaren Raum der großen Halle sitzen Mitarbeiter der indonesischen Regierung, der Ministerien und der Tabakplantagen. Makler und Händler werden per Lautsprecher aufgefordert, ihr Angebot für ein bestimmtes „Tempo“ bis zu einer bestimmten Uhrzeit abzugeben. In einem „Tempo“ werden rund eintausend Ballen unterschiedlicher Provenienz und Qualität zusammen gefasst und aufgerufen. Gebote werden in einem verschlossenen Umschlag durch einen Briefschlitz geschoben. Wer einen Brief durch den Schlitz geschoben hat, klopft an die mit Jalousien verhangene Scheibe und erhält als Antwort ein Klopfen zurück. Das bedeutet, dass das Angebot eingegangen ist. Daher auch der Begriff „Einschreibung“. Alle Gebote werden schriftlich abgegeben.

- Fortsetzung folgt -