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04-03-07 15:00 Alter: 16 yrs

VON:GH

Steht die Freiheit auf der Kippe?

Diese Frage diskutierte Maybritt Illner in "Berlin Mitte" der vergangenen Woche mit ihren Gästen.



Horst Seehofer, Bundesverbraucherminister, früher Bundesgesundheitsminister, hat 1989 seine letzte Zigarette geraucht. Als Urpolitiker war er erfahren genug, sich nicht sonderlich auf Fragen der Freiheit einzulassen, sondern die allseits bekannten Argumente der Nichtraucherlobby zu wiederholen.

3.300 Tote jährlich durch das Passivrauchen, die gesundheitliche Beeinträchtigung der Raucher, 4.000 µg Feinstaub pro m³ Luft in einer bayerischen Diskothek, obwohl die EU nur 50 µg zulässt usw.. .

Merkwürdig, denkt sich der Aficionado. Da sitzt dieser Mann seit Jahrzehnten in Institutionen, denen das Bundesverfassungsgericht wiederholt die Verletzung von Grundrechten attestierte und er sagt kein Wort zum Thema Freiheit.

Alexandra von Rehlingen, PR- und Eventmanagerin, nach eigenem Bekunden militante Nichtraucherin, hat vor rund 10 Jahren Events für Davidoff organisiert. Heute geht sie mit Kindern gerne in die onkologische Abteilung eines Hamburger Krankenhauses und sorgt mit schaurigen Erzählungen und Bildern für eine Schocktherapie bei den Kleinen.

Auf ihrer Brust prangt der Slogan Nichtrauchen ist cool. Sie ärgere sich immer, wenn sie aus dem Ausland zurück nach Deutschland komme. In Deutschland stinke es gewaltig - und das nur wegen der Raucherei überall. Die Events, die sie im Ausland organisiere, seien viel besser, weil dort das Rauchen schon überall verboten sei. Das wolle sie auch in Deutschland gerne so haben und trete daher für ein absolutes Rauchverbot ein. Derzeit sei es so, dass ca. 20-30 Prozent ihrer Eventteilnehmer rauche.

Der Frau kann geholfen werden, sagt sich der Aficionado. Bei der nächsten Einladung zu einem Event fragt man einfach mal, wer den denn organisiert hat. Und wenn es Alexandra von Rehlingen war, bleibt man einfach weg.

Hans-Hermann Tiedje, ehemals Chefredakteur der Bildzeitung, heute Journalist und Medienberater mit wöchentlicher Talkshow auf N-24, Zigarrenraucher, war der eine Widerpart.

Tiedje raucht in seiner eigenen Show Zigarre, einfach, um ein Zeichen zu setzen.

Erfrischend, wie dieses Schlachtschiff der streitigen Diskussion gleich in den ersten Minuten der Frau von Rehlingen ihre Nähe zu Davidoff vor Augen führte, was diese wiederum sichtlich irritierte. Sie war nun eine Zeitlang mit ihrer eigenen Rechtfertigung beschäftigt.

Warum, so frage er sich, könne denn nicht der Markt die Regelungen treffen. Jeder Gastronom, der Raucher willkommen heiße, möge doch ein Schild an seine Tür hängen, jeder Nichtraucher wisse dann Bescheid und brauche dort nicht hineinzugehen.

Etwas schlapp nur sein Widerspruch zur DKFZ-Studie, in der die Mär von 3.300 Passivrauchtoten verbreitet wird. Dass diese Studie wissenschaftlich unseriös ist, hat selbst deren Verfasserin zwischenzeitlich zugestanden.

Jörg Wontorra, Sportjournalist und seit über 40 Jahren Zigarettenraucher, war der andere Widerpart der Nichtraucherapostel.

Er rauche gerne, habe aber immer zwei Seelen in seiner Brust. Die eine halte ihm diese ungesunde Verhaltensweise vor Augen, während die andere sage, es mache aber doch Spaß.

Journalisten würden nun einmal rauchen. Irgendwie, so Wontorra, scheint es dazuzugehören.

Da hörte man im Hintergrund den Satz vom Rauch als Humus großen Geistes.

Günter Amendt ist seit über 30 Jahren in der Suchtforschung tätig und streitbarer Publizist.  In seinem 2003 erschienen Buch No Drugs No Future führte er den  Nachweis, dass es eine Illusion ist, an eine drogenfreie Gesellschaft zu glauben.

Seine Frage an Horst Seehofer, warum die Politik eigentlich nicht den suchtkranken Rauchern zur Hilfe eile, blieb erwartungsgemäß unbeantwortet.

Amendt sagte vor dem Hintergrund seiner Forschungen, dass es eine Lösung nur durch Trennung der Szenen geben könne. Von daher sei die Einteilung der Gastronomie in Raucher- und Nichtraucherlokale der richtige Weg.

Ein Rauchverbot sei absurd und würde auch keinen Erfolg bringen, wenn es um Konsumsenkung gehe.

Abgesehen von seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen sei das Rauchen ein Kulturgut und ein Verbot des Rauchens nichts anderes als eine Amputation der Gesellschaft.

Nun, denkt sich der Aficionado, derartig wissenschaftlich untermauerte Fakten werden wohl kaum Eingang in die Mehrheit der Politikerköpfe finden. Das war in der Vergangenheit ja auch nicht so.

Und dann war das noch Joey Kelly, früher Teil der Kelly-Family, heute Musiker und Extremsportler. Als erster Triathlet dieses Planeten beendete er acht Ironman-Wettbewerbe erfolgreich. Er fand, dass Rauchen nicht so gut sei. 

Irgendwie war das überzeugend - während des Rauchens einer Zigarre ist ein Marathonlauf doch wohl störend.

Gastgeberin und Moderatorin Maybritt Illner kam nur einmal kurz ins Schleudern. Als nämlich Hans Hermann Tiedje schlusswortähnlich meinte, ihm sei der Zigarre rauchende Churchill lieber als der Nichtraucher Hitler. Darüber müsse sie jetzt erst einmal nachdenken, lächelte sie in die Kamera, während Horst Seehofer die Hände vors Gesicht hielt.

Wohl wahr, denkt sich der Aficionado. Das Postulat der militanten Nichtraucher unserer Tage hat schon etwas von An unserem Wesen soll die Welt genesen.