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05-11-14 06:13 Alter: 12 yrs

VON:D. R.

Warum ein Zigarrenring keine Bauchbinde ist



Mitte des 19. Jahrhunderts soll es gewesen sein, als Gustavo Bock die Zigarren seiner Manufaktur in Havanna als Erster mit Zigarrenringen versah. Es geht die Mär, diese Ringe sollten die weißen Handschuhe der feinen Damen und Herren vor den Spuren des Tabaks schützen. Wahrscheinlicher aber ist, dass Gustavo Bock diese Ringe als Marketing-Instrument zur Abgrenzung gegenüber seinen Wettbewerbern im Bereich Havanna-Zigarren ersann. Es dauerte nicht lange, da wurde die Idee kopiert und heute trägt fast jede Zigarre weltweit einen Zigarrenring. 

Zu gleicher Zeit herrschte das britische Empire über seine Kronkolonie auf dem indischen Subkontinent. Wahrscheinlich waren es britische Offiziere, die aufgrund der klimatischen Bedingungen den Indern ihre Mode abschauten und die viel zu warme Weste unter dem Jackett gegen eine Schärpe aus feinen Tuchen tauschten. Im Persischen wird diese Bauchbinde Kamarband genannt, was übersetzt so viel wie Hüftgürtel heißt. Die Bezeichnung Kamarband wurde phonetisch zu dem heute noch gebräuchlichen englischen Wort cummerbund, das abgewandelt als Kummerbund Einzug in die deutsche Sprache hielt. Seit den 1930er Jahren hat sich die Bauchbinde, beziehungsweise der Kummerbund als Ergänzung zum Smoking mit Querbinder und Lackschuhen als Abendgarderobe etabliert.

Es dürfte nicht lange gedauert haben, bis sich im Volksmund der Zigarrenring und die Bauchbinde als Synonyme wiederfanden, obwohl diese nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit zueinander aufweisen. Wahrscheinlich war auch eine gehörige Prise Spott mit von der Partie, ähnlich wie in den zahlreichen Karikaturen, die Zigarren als dauerndes Attribut für den überzeichneten Bonzen verwenden. Bis heute zieht sich die spöttische Bezeichnung »Bauchbinde« für einen Zigarrenring durch die Umgangssprache und selbst durch einige Literatur. So berufen sich manche Befürworter der Bezeichnung Bauchbinde auf den allgemeinen Sprachgebrauch oder auf Fachliteratur der 1940er Jahre für den Fachhandel und die Hersteller von Zigarren in Deutschland.

Bis ungefähr in die 1950er Jahre waren Zigarren vorwiegend als Perfectos gerollt, eine Zigarrenform die sich an beiden Enden verjüngt. In besagter Fachliteratur wird der Aufbau einer solchen Zigarre wie folgt beschrieben: Kopf, (Körper), Bauch, Fuß. Wenn man die Form dieser Zigarren entsprechend interpretieren möchte, dann befindet sich der »Bauch« im unteren Drittel der Zigarre. Ein Zigarrenring wird in der Regel aber im oberen Viertel einer Zigarre angebracht und kann schon daher keine Bauchbinde sein. Wollte man sich synonym in die Welt der Bekleidungs- oder Schmuckstücke begeben, so wäre ein Zigarrenring eher ein Kropfband, denn eine Bauchbinde.

In heutiger Zeit sind die meisten Zigarren in der Form Parejo – also zylindrisch – gefertigt. Da gibt es keinerlei Ausbuchtungen, die assoziativ mit einem Bauch verglichen werden könnten. Das gilt insbesondere für die sehr schlanken Panetelas.

Die ersten Zigarren, so wie wir sie heute kennen, wurden bekanntermaßen im spanischen Sevilla gefertigt, als Kuba eine spanische Kolonie war. So ist es kaum verwunderlich, dass die Terminologie aus der Welt der Zigarre maßgeblich durch die spanische Sprache geprägt ist. Das Schmuckband aus aufwendig gestaltetem Papier, das die Zigarre in der Regel im oberen Viertel ziert, heißt im Spanischen Anilla, was übersetzt Ring bedeutet – nicht Bauchbinde und schon gar nicht Banderole.

Eine Zigarre mit Querbinder wäre ebenso albern, wie das Wort Bauchbinde als Bezeichnung für einen Zigarrenring sprachlich unästhetisch ist. Eine Bauchbinde ist ein Teil der männlichen Abendgarderobe und ein Zigarrenring ist eben ein Zigarrenring.