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08-05-22 14:11 Alter: 212 days

VON:GH

Zigarrenhaus Klenk mutiert …

Bad Wimpfen ist mit seinen 7.300 Einwohnern nicht gerade der Nabel der Welt. Es könnte aber zum Nabel der Zigarrenwelt werden.



Die Augusto-Lounge im Erdgeschoss (Bild: Detlef Göhrig)


Der Salon im 1. Stock (Bild: Detlef Göhrig)

Zigarrenhändler ist Jochen Klenk nun nicht mehr so ganz und zu hundert Prozent. In zwei Jahren harter Bau- und Renovierungsarbeit, die dank Corona ohne Kundenkontakte abliefen, hat er aus dem 1935 gegründeten Zigarrengeschäft ein Kulturzentrum gemacht, ein Zigarrenkultur-Zentrum.

Auf vier Etagen können nun genussorientierte Kulturveranstaltungen rund um Zigarren, Whisky, Rum und andere Leckereien stattfinden.

Im Keller wurde eine Schatzkammer eingerichtet. Ein typisches Kellergewölbe, in dem hinter einer eigens verschlossenen Tür Spirituosen von seltener Erlesenheit verborgen sind. Nur die wenigsten werden sich das Vergnügen einer Degustation dort leisten wollen. Konsequenterweise gibt es nur drei Sitzgelegenheiten. Eine für den Veranstalter und zwei für die Kostgänger. Andererseits: Wer das eine oder andere Etikett liest, wird sich um einen der Plätze bemühen. Alleine der zu Beginn gereichte Tequila war ein Grund zum Niederknien … auf steinigem Kellerboden.

Als erste Herzkammer wurde im Erdgeschoss die Augusto-Lounge hinzugebaut. Eine höchst bequeme und kommunikativ ausgerichtete Chesterfield-Lounge mit kleiner Bar. So um die zehn Personen finden hier Platz Es wurde mit Bedacht geplant und gebaut. Kein Weg zuviel: Man betritt den Laden, geht am begehbaren Humidor vorbei, sucht seine Zigarre aus und ist dann nach wenigen Metern in der Augusto-Lounge, wo die Bar das passende Begleitgetränk bietet. Nur Platz nehmen muss man noch.

Zweite Herzkammer ist die erste Etage, in der diverse kleinere Salonzimmer zum kontemplativen Bildungstrinken bei einer guten Zigarre einladen. Die Anhänger mondäner Salonabende bringen einen Klavierspieler mit, der dem bereitstehenden Piano die passenden Tonfolgen entlockt. Da kommen einem gleich der Charleston, die Federboa und der Zylinder in den Sinn …

Gedacht ist die Etage als „Digital Detoxing-Station“. Es gilt ein dauerhaftes Handyverbot im 1. Stock. Bei Bedarf oder auf Wunsch wird dieses auf alle Räumen des Hauses ausgedehnt. Für die Geräte wurde ein „Parkareal“ eingerichtet, das die versehentliche Benutzung verhindert.

Die vierte Etage, der Dachboden, stellt eine Tour d'Horizont durch die fast 90-jährige Geschichte der Familie Klenk dar. Angefangen bei Familienbildern aus den Anfangsjahren über einen Zigarrenrollertisch aus den 1950er Jahren bis hin zu den Sturm- und Drangzeiten der jetzigen, der dritten Generation. Von deren Umtriebigkeit und Unangepasstheit zeugt ein mit Schusslöchern übersäter alter Zigarettenautomat. Ein klares Statement, das im Hause durchgesetzt wird: Zigaretten nur draußen.

Auch an die verspielte und glamouröse Petticoat-Zeit wird erinnert. Auf einer unter dem Dach angebrachten Schaukel kann heute noch so manche Romanze beginnen oder verfestigt werden, wenn nicht gerade alle Plätze dieses rustikal eingerichteten Speichers besetzt sind … mit bis zu 40 kulturbeflissenen Anhängern der gehobenen Gesprächs- und Rauchkultur.

Das Kulturzentrum Klenk in Bad Wimpfen richtet sich mit seinem Angebot an kleinere (fünf bis 99 Personen) Gruppen intellektuell anspruchsvoller Bildungstrinker und Zigarrenliebhaber. Letztere werden mit einem mehr als auskömmlichen Angebot an Cohiba, Romeo y Julieta, Partagás und anderen Habanos´ sowie Laura Chavin nicht nur angelockt, sondern auch befriedigt.

Wer alte Zigarren liebt, der frage Jochen Klenk einfach mal nach etwa 20 Jahre alten Laura Chavins. Jeder andere Zigarrenhändler würde mit einem Fragezeichen im Gesicht reagieren und nicht wissen, worum es geht. Jochen Klenk könte jedoch gleich die eine oder andere Kiste offerieren …

Natürlich „bespielt“ man ein solches Kulturzentrum über vier Etagen nicht alleine. Eine höchst engagierte Kerntruppe von drei Personen steht hinter und neben Jochen Klenk. Die funktioniert bestens.

Das Zigarrenrandgewerbe (Taxis, Übernachtungstätten) hat sich auf den neuen Magneten mit einer Vielzahl von Übernachtungsmöglichkeiten eingerichtet. Allen voran das Hotel „Neues Tor“, das zwar über keine Zigarrenlounge verfügt und daher weiterhin der Kategorie „Herberge“ angehört, seine Zigarrenaffinität aber mit einem ostentaiv und gut sichtbar aufgestellten Humidor dokumentiert.

So mutiert das Zigarrenhaus Klenk nun zum Kulturzentrum und aus einem nine-to-five-Zigarrenhändler wird der Chef eines Kulturzentrums für gehobenen Lebensstil.

Der Anfang ist gemacht, denn wenn am Eröffnungsabend die letzten Gäste erst um drei Uhr morgens gehen, kann es nicht langweilig gewesen sein.

https://www.zigarrenkultur.de/

https://www.zigarrenlounges.de/lounges