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31-07-15 06:02 Alter: 11 yrs

VON:GH

125 Jahre Woermann • Teil 5



Die steigende Vielfalt führt zu größeren Lagerkapazitäten.


Rohtabakblätter


Deckblätter werden mit maschineller Hilfe exakt zugeschnitten

Heinz-Dieter Woermann war in der Anfangszeit für fast alles alleine zuständig. Kleinere Reparaturen konnte er selber vornehmen, die Produktion war zu überwachen und letztlich war auch der Vertrieb seine Sache. Vertriebsgebiet war in den ersten Jahren Ostwestfalen, die Gegend in der Woermann-Zigarren schon seit fast 100 Jahren einen Namen hatten. Auf seinen Verkaufstouren meldete er sich alle paar Stunden bei seiner Frau Annegret in der Firma und hörte, ob alles planmäßig ablief. War eine Maschine defekt oder sonst etwas geschehen, was seine Anwesenheit erforderlich machte, so brach er seine Verkaufstour ab und fuhr nach Hause zurück. 

Kontinuierlich wurde die Produktionsmenge erhöht und verkauft, so dass 1966 der erste Handelsvertreter mit dem Vertrieb ausserhalb des Kerngebietes Ostwestfalen beauftragt werden konnte. Ist einer erfolgreich, können es andere auch sein; und so dauerte es nicht lange bis weitere Handelsvertreter hinzukamen und die Vermarktung der Woermann-Zigarren nun bundesweit lief. Heinz-Dieter besuchte weiterhin seine Kernkunden in Ostwestfalen und kümmerte sich ansonsten um die Produktionsausweitung und weitere Vertriebsgebiete. 

Bis zu zwanzig Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen erhielten nun wöchentlich ihre Wickel und legten das Deckblatt auf. Die Bezahlung erfolgte stückweise. Im Jahre 1970 wurde die erste Überrollmaschine gekauft. Sie brachte nicht nur eine Produktionssteigerung, sondern ersetzte auch die Mitarbeiter, die aus Altergründen, oder weil sie in einer anderen Branche mehr Geld verdienen konnten, die Arbeit bei Woermann aufgegeben hatten. Die durchschnittliche Tagesproduktion war inzwischen auf 10.000 Stück angewachsen. Das Wohnhaus in Hüffe, von dem aus Heinz-Dieter Woermann anfangs agierte, war längst zu klein geworden. Ein 400 qm großer Anbau beheimatete nun Personal und Maschinen. Für Heimarbeiten war nun keine Gelegenheit mehr. Wickel- und Überrollmaschinen konnte man nicht zu den Leuten auf´s Land bringen. Jetzt kam die Arbeit nicht mehr zu den Leuten, sondern die Leute kamen zur Arbeit. Die relativ teure Handarbeit konnte man sich nur noch für die Keule leisten, einem Format das zu dieser Zeit (1970) für eine DM „über den Tisch“ ging.

Seine ersten Exporterfahrungen machte Heinz-Dieter Woermann mit England und Cigarillos der Marke Jack Flash. Ein englischer Importeur war eines Tages aufgetaucht, und hatte angefragt, ob man denn nicht einen Cigarillo für den englischen Markt kreieren könne. Er sei bereit, diesen dort zu verkaufen. Nach einigen Verhandlungen wurde man sich einig und die ersten Produkte des Hauses Woermann verließen den deutschen Sprachraum. Von Anfang an war diesem Projekt jedoch der durchschlagende Erfolg versagt. Nach ca. vier bis fünf Jahren kamen keine Aufträge mehr vom englischen Wiederverkäufer und Initiator. Die Ursachen waren, wie immer, vielfältig. Mangelhafte Vertriebsarbeit, falsche Planung, Fehleinschätzung des britischen Geschmacks. Woermann hatte sein Geld bekommen und seine ersten (preiswerten) Auslandserfahrungen gemacht.

Die zweite Exporterfahrung war schon deutlich angenehmer. Sie war auch anders angelegt. Nicht ein williger Importeur kreierte seine eigene Marke, die dann von Woermann produziert wurde, sondern die Woerman-Zigarren wurden exportiert. Im Jahre 1990 übernahm die norwegische Firma Sørensen aus Bergen den Vertrieb von Woermann-Zigarren in Norwegen. Exportiert wurden Zigarren und Cigarillos, vornehmlich die Woermann-Marke „Seefahrer“. Hier passte alles zusammen. Die Zigarren schmeckten den Norwegern, der Markenname tat ein übriges. Die norwegischen Steuern waren für die Bürger erträglich und so produzierte man in Hüffen für den norwegischen Markt. Diese erfolgreiche Exportepisode dauerte allerdings auch nur rund 10 Jahre. Diesmal machte der norwegische Staat mit seiner exorbitant hohen Tabaksteuer dem Geschäft ein Ende. Ab 2001 lohnte sich der Absatz nicht mehr.

Die Zeit um 1989/1990 war für das Unternehmen Woermann ebenso wie in ganz Deutschland eine Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs. Zum einen war da diese Exportgeschichte mit Norwegen. Man wusste zwar noch nicht, wie das laufen würde, aber man war guter Hoffnung. Dann bot sich die Gelegenheit, den in der Nähe gelegenen Betrieb von Heinrich Wiechen zu übernehmen. Wiechen hatte in all den Jahren seine – heute würde man sagen: Billigmarke – Gelbstreifen – verkauft. Keine verachtenswerte Zigarre, aber doch preisgünstig; sowohl vom Tabak als auch von der Produktion her. Die Übernahme dieses Unternehmens war allerdings platzmäßig auf den 400 qm in Bünde-Hüffen nicht zu bewerkstelligen. Also beschloss man kurzerhand, den gesamten Betrieb der Woermann Zigarrenfabrik nach Bünde-Ahle, dem Sitz der Firma Wiechen zu verlegen. Dort gab es 750 qm Produktionsfläche und damit sogar noch etwas Reserve. Allerdings konnte man sich mit Wiechen nicht über den Kaufpreis einig werden und so wurde das Produktionsgebäude gepachtet. Der Personalbestand belief sich zu der Zeit auf rund zwanzig Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Drei Jahre später – 1993 – bot sich für Heinz-Dieter Woermann eine weitere Expansionsmöglichkeit. Die Zigarrenfabrik Koch & Sohn, ebenfalls aus Bünde und Produzent der Marken „Nr. 49“, „Nr. 109“ sowie einer „Hausmarke“, gab das Geschäft auf. Insbesondere die Hausmarke war Heinz-Dieter Woermann wohlbekannt. Es war nichts anderes als die von Woermann abgekupferte „404“. Koch hatte das Format übernommen und diese Zigarre als „Hausmarke“ angeboten. Die vorhandene Platzreserve ermöglichte es Heinz-Dieter Woermann, inzwischen Senior im Unternehmen, auch diesen Betrieb teilweise zu übernehmen. Was bei anderen Firmenübernahmen oder Firmenzusammenschlüssen häufig zu einem unüberwindbaren Problem wird – die Integration des Übernommenen in die eigene Struktur oder die Verschmelzung zweier Strukturen und Kulturen – war nie ein Problem für Heinz-Dieter Woermann. Zum einen war er der ausgleichende und ruhige Typ, der nicht schrie oder gar tobte, sondern einfach in Ruhe überzeugte; zum anderen sind ostwestfälische Mitarbeiter vielleicht manchmal etwas stur und schweigsam, aber sie arbeiten sach- und erfolgsorientiert, was manche überflüssige Diskussion gar nicht erst aufkommen lässt.

Nach der Übernahme und Integration der beiden Firmen gab es manchen Abend, an dem Heinz-Dieter Woermann etwas früher nach Haus kam und sich auch schon mal ein besonders wertvolles Produkt seines Hauses oder gar ein Unikat (für den Chef gerollt) gönnte. Inzwischen ging er auf die 60 zu und es war Zeit, an die langfristige Zukunft des Unternehmens zu denken.

Fortsetzung folgt …