01-08-15 06:03 Alter: 11 yrs
VON:GH
125 Jahre Woermann • Teil 6
 |   Heinz-Dieter (re.) und Peter Woermann
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Um Heinz-Dieter Woermann herum hatten in den letzten dreißig Jahren die allermeisten Firmen aufgegeben. Einige hatte er gekauft, andere waren einfach vom Markt verschwunden. Der gesamte Zigarrenabsatz in Deutschland war zurückgegangen. Und warum war er noch da? Was hatte er anders gemacht? Da waren zum einen sicherlich die Tabakmischungen, die er verwendete. Tabake, deren Mischungen einen Rauchgeschmack entwickelten, der einen großen Teil der eingefleischten Zigarrenraucherschaft befriedigte. Ein weiterer Umstand, auf das er stolz war: Woermann hatte immer 100% Tabak in seinen Produkten gehabt. Den sogenannten Bandtabak (bis zu 90% Tabak + 10% Bindemittel), der sich wunderbar maschinell von der Rolle verarbeiten lässt, war ihm nie ins Haus gekommen. So etwas schätzt der Zigarrenraucher. Dann spielten die Formate eine Rolle. Keine extravaganten, zu großen Formate, sondern solche, die sich tagsüber oder abends unkompliziert rauchen ließen. Ebenso dürfte seine Betriebsgröße eine Rolle gespielt haben. Über all die Jahre hinweg kein teurer Außendienst, der Geld kostete, auch wenn es keinen oder nur ungenügenden Absatz gab, sondern im Markt und bei den Geschäften eingeführte Handelsvertreter, die Geld bekamen, wenn sie etwas verkauften. Über die Jahre im Durchschnitt 25 bis 35 Personen als feste Mitarbeiter für die Produktion und ein kleiner Verwaltungsbereich halfen ebenfalls, die Kosten niedrig zu halten bzw. sie dem Absatz anzupassen. Und dann waren da natürlich die Marktanteile der Unternehmen, die den Betrieb aufgegeben hatten. Sie waren aus den verschiedensten Gründen gestorben, hinterließen aber immer noch einen kleinen Markt, den es sich lohnte, zu übernehmen.
Eigentlich konnte er ganz zufrieden sein. Sohn Peter hatte ihm zwar kurzfristig Sorgen bereitet, als er die Lehre zum Landmaschinenmechaniker begann, aber das hatte sich dann als kleiner Sidestep erwiesen, ging er doch nach Abschluss der Lehre zur Bundeswehr und begann dann ein Maschinenbaustudium. Er selber hatte sich in seiner Jugend mit seiner einjährigen Tätigkeit in der Sanitärbranche auch einen solch kleinen Seitenschritt geleistet. Wahrscheinlich war das einfach Familientradition und musste so sein. Nach dem Maschinenbaustudium kam dann Peters Lehre zum Industrie- und technischen Kaufmann. Jetzt war der Junge seit zwei Jahren im Betrieb tätig und machte einen recht passablen Eindruck. Er konnte produzieren und kam gut mit den Kunden klar.
Der Senior lehnte sich zurück und beschloss, seine Zeit zukünftig mehr mit Reiterei und Kutschfahrten mit dem Marathonwagen zu verbringen; kurzum: er bereitete die Übergabe des Unternehmens an die Generation fünf vor.
Seit 1992 arbeitete Sohn Peter im Unternehmen als Betriebsleiter und im Außendienst. Bis 1997 dauerte diese „Lehrzeit“ in der der Senior noch die Fäden in der Hand hielt und der Sohn Produktion, Betrieb und Kunden kennenlernte. Dann übernahm er das Unternehmen und setzte auch nach außen Zeichen für einen nunmehr anderen Chef im Hause Woermann. Um aus der gepachteten Produktionsstätte in Bünde-Ahle herauszukommen, kaufte er in Rödinghausen-Ostkilver, einem kleinen Ort in der Nähe von Bünde, ein Grundstück und errichtete eine neues und modernes Produktionsgebäude mit einer Fläche von ca. 1.750 qm. Lagerbestände an Tabak und fertigen Zigarren zog mitsamt den Maschinen um. Im Januar 1998 begann die Produktion im neuen Gebäude. Gut, dass er selber einiges von Maschinen verstand und auch die Weitsicht hatte, den Vater noch im Unternehmen zu „beschäftigen“. Eine Maschine, die „umgezogen“ ist, arbeitet nicht von vorneherein reibungslos. Immer gibt es irgendwelche Teile, die ersetzt oder angepasst werden müssen. Die Maschinenbaukenntnisse von Vater und Sohn ersparten hier so manchen Technikereinsatz und ließen den gesamten Umzug auf eine Zeit von nur vier Wochen zusammenschmelzen.
Gerade einmal zwei Jahre in dem neuen Gebäude waren vergangen, als Peter Woermann mit der Zigarrenfabrik von Friedrich Scholle ins Gespräch kam. Dort sollte aus Altersgründen der Betrieb nach Möglichkeit nicht eingestellt, sondern in andere Hände gegeben werden. Peter Woermann sah seine Chance. Friedrich Scholle machte schon über Jahre hinweg Importe, was bei Woermann bis dato nicht der Fall gewesen war. Auf der Liste von Scholle standen so berühmte Marken wie Jose Benito und Condal, also Longfiller, mit denen man bisher nichts zu tun hatte. Natürlich wusste auch Friedrich Scholle um diese Trümpfe, auf der anderen Seite war nicht jedes andere Unternehmen in der Lage, hiermit etwas anzufangen. Und so pokerte und verhandelte man ein Jahr, bis es zu einer Kooperation zwischen Friedrich Scholle und Peter Woermann kam. Anfang 2000 beteiligte sich Peter Woermann an der Firma Scholle, Anfang 2001 wurden beide Unternehmen fusioniert.
So ganz nebenbei wuchs für Peter Woermann auch die Bedeutung der Auftragsproduktion. Etwas, worüber niemand in der Branche gerne spricht. Der kontinuierliche Niedergang der Zigarrenproduktion in Deutschland (heute sind vermutlich nur noch ca. 1.200 bis 1.300 Personen damit in beschäftigt) brachte viele Anbieter von eigenen Produkten in das Problem: wo fertigen lassen? Entweder hatte man keine Kontakte in das dafür in Frage kommende Ausland oder die Mengen lohnten sich nicht. Und hier bot und bietet sich die Produktionsstätte Woermann an. Wer unter welchem Namen wie viel dort produzieren lässt, wissen nur Peter Woermann und die Steuerzeichenstelle in Bünde. Belassen wir es dabei.
Fortsetzung folgt …
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