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16-02-26 11:57 Alter: 23 days

VON:GH

Die Zigarrenwelt der 1920er Jahre

Berlin als Epizentrum der „Roaring Twenties“.



Das war nicht nur Fassade. Auf jeder Etage wurden Zigarren angeboten. Immerhin mussten ca. 16 Millionen Zigarren hier untergebracht werden. Das Bild stammt aus dem Verkaufskatalog des Zigarrenhändlers Boenicke aus dem Jahre 1906. Der Verkaufskatalog selbst ist Teil der Bibliothek des Altverlegers Paul Altenau (Facebook: Don Paolo, Solo Habanos)

Der Zeitgeist unserer angeblich so modernen Gesellschaft weht dem Zigarrenraucher heute mitunter heftig ins Gesicht. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war das anders.

Zwischen 1900 und 1930 gehörten Brot, Butter – und Zigarren – selbstverständlich zum wöchentlichen Einkauf. Selbst wer nur zwei oder drei Exemplare pro Woche rauchte, betrachtete sie als festen Bestandteil des Alltags.

Boenicke und der Stellenwert der Zigarre

Die Jubiläumsschrift des Berliner Zigarrenhändlers Boenicke aus dem Jahr 1929 zeigt eindrucksvoll, welchen Rang die Zigarre in dieser Zeit hatte. Lagerbestände eines einzigen Berliner Geschäftes lagen bei 16 Millionen Zigarren.

Boenicke war nicht nur Händler, sondern auch kultureller Vermittler. Schon um 1900 verschickte er Rundschreiben an seine Kundschaft, in denen die Zigarre als „stille Teilnehmerin bei Besprechungen im Kreise seriöser Herren“ dargestellt wurde. Gleichzeitig engagierte er sich gesellschaftlich, etwa durch die Stiftung einer neuen Kirche in seiner Geburtsgemeinde Woltersdorf (70.000 Reichsmark 1911), was seinen wirtschaftlichen Erfolg unterstreicht.

Berlin und Großberlin – ein dichter Markt

Wenn man in den 1920er Jahren von Berlin sprach, meinte man die Bezirke Mitte, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg und Tiergarten. Großberlin umfasste zusätzlich Vororte wie Charlottenburg, Lichtenberg, Neukölln oder Schöneberg. Für eine Betrachtung des Marktes lässt sich beides zusammenfassen: Berlin war ein einziger, riesiger Zigarrenraum.

Die Zigarre galt als selbstverständliches „Lebensmittel des Mannes und des Herrn“. Entsprechend dicht war das Netz der Verkaufsstellen. Unter Zigarrengeschäften verstand man die Läden, in denen der Endverbraucher Zigarren erwerben konnte – auch wenn dort zusätzlich Zigaretten oder Pfeifentabak angeboten wurden.

1927: Über 5.400 Tabakgeschäfte in Berlin

Die Datenlage zu Zigarrenhändlern in den „Goldenen Zwanzigern“ ist insgesamt lückenhaft. Für Berlin jedoch existieren außergewöhnlich präzise Quellen:

  • Das Berliner Branchenadressbuch von 1927 listet 5.189 Zigarren-, Zigaretten- und Tabakgeschäfte, 83 reine Zigarrenhandlungen sowie 49 Einfuhrgeschäfte.
  • Hinzu kommen 156 Zigarrengroßhandlungen sowie 75 nicht näher lokalisierte „eigene Geschäfte“ der Firma Palm Zigarren.
  • Je nach Zählweise – also je nachdem, ob Großhandlungen und Einfuhrgeschäfte als Verkaufsstellen gewertet werden – ergibt sich eine Gesamtzahl von rund 5.429 Geschäften.
  • Auch die Dissertation von Adolf Schwarzlose (1931) liefert eine eingehende Analyse der Verteilung von Zigarren-, Zigaretten- und Tabakgeschäften in Berlin und bestätigt die hohe Dichte der Verkaufsstellen.

Ein urbanes Phänomen

Über 5.400 Tabakgeschäfte in einer Stadt – diese Zahl verdeutlicht, welche kulturelle, wirtschaftliche und soziale Bedeutung die Zigarre in den 1920er Jahren hatte.

Berlin war in jener Zeit nicht nur politisches und kulturelles Zentrum der Weimarer Republik, sondern auch ein Epizentrum des Tabakhandels. Händler wie Boenicke verbanden wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlicher Vermittlung und prägten den Ruf der Zigarre als alltägliches, aber auch kultiviertes Konsumgut.

Die Zigarrenwelt der 1920er Jahre war groß, dicht vernetzt und wirtschaftlich beeindruckend organisiert – ein Spiegel ihrer Zeit.