Artikel-Single-View
09-07-26 08:00 Alter: 47 days

VON:GH

Flor del Amor: Ein Hamburger Zigarrenhändler erweitert sein Sortiment

Ein Zigarrenmacher, dem niemand seine Zigarren abkauft, entdeckt ein einträglicheres Geschäftsfeld — und tarnt es als Tabakladen mit weiblicher Bedienung. Die Geschichte einer bemerkenswerten Diversifikation, erzählt aus der Sicht einer Verkäuferin, die sich partout nicht an die Hausordnung halten wollte.



Man stelle sich einen Zigarrenmacher vor, dessen Geschäftsbilanz ein einziges Ärgernis ist: Die Wirte sind versorgt, die Bekannten rauchen ihre gewohnte Marke, und die Wiederverkäufer bieten Preise, bei denen er am Tabak draufzahlt. Dallius — so heißt der Mann — zieht daraus einen Schluss von bestechender Logik: Kenner und Feinschmecker schätzen ein schönes Mädchen noch höher als die beste Havanna. Also verlegt er sich auf das Sortiment mit der besseren Marge.

Da eine Konzession für das einschlägige Gewerbe nicht zu bekommen ist, wird das Etablissement eben heimlich betrieben — als Tabak- und Zigarrenhandlung Zur schönen Spanierin, mit gasbeleuchtetem Transparentschild und einem Schaufenster, dessen untere Hälfte auffallend leer bleibt. Der Passant blickt hindurch auf zwei hübsche Verkäuferinnen. Wer mehr will als Tabak, dem legt Dallius eine polierte Kiste vor: Flor del Amor, Blüte der Liebe, mit einem Bild auf dem Kistenboden, das keine Rückfragen mehr offenlässt. Ein Kleiderschrank aus dünnem Holz verdeckt bei Bedarf die Verbindungstür zum Hintergebäude, das seinerseits einen diskreten Hofausgang besitzt. Das Betriebskapital beschafft Frau Dallius, die einschlägige Branchenerfahrung mitbringt: Sie rekrutiert per Zeitungsannonce junge Frauen von auswärts und verkauft die ersten beiden meistbietend an konzessionierte Konkurrenzbetriebe. Das Vermittlungshonorar finanziert die Ladeneinrichtung. Man muss das Geschäftsmodell nicht mögen, aber man muss zugeben: Es ist durchdacht.

Die Verkäuferin, die nicht mitspielte

Erzählt wird das Ganze von Amanda Becker, Kaufmannstochter aus Württemberg, deren Lebenslauf bis dahin eine Kette von Abstürzen ist. Der Vater geht bankrott, die Karriere als Lehrerin scheitert an einer Prüferin, die ihr attestiert, selbst für die untersten Klassen fehle die Befähigung. Eine Anstellung auf einem gräflichen Gut endet, als der junge Graf ihr die Ehe in Aussicht zu stellen scheint, tatsächlich aber nur ein möbliertes Häuschen mit Garten meint. Amandas Antwort — der Weg zu ihrem Schlafzimmer führe nur durch die Kirche — quittiert er mit Gelächter und einigen hingelegten Goldstücken; die Gräfin quittiert die Affäre mit fristloser Verweisung vom Gut.

So strandet Amanda mittellos in Hamburg, wo sie sich nach Amerika einschiffen will, was am fehlenden Geld scheitert. Hungrig kauft sie sich Brot, das ihr in Zeitungspapier gereicht wird — und in ebendiesem Zeitungsfetzen steht die Annonce der schönen Spanierin. Frau Dallius empfängt sie mit einer Personalpolitik, die man heute wohl progressiv nennen würde: festes Gehalt, freie Kost, ein elegantes eigenes Zimmer, und von den „Geschenken" der jungen Herren dürfe sie die Hälfte behalten. Was genau die Geschenke honorieren, erfährt Amanda erst von der Kollegin, als der Arbeitsvertrag faktisch geschlossen ist.

Nun folgt die eigentliche Pointe der Geschichte: Amanda bleibt — und verweigert sich. Einem widerwärtigen Häuserspekulanten, der beim Chef nach „neuer Waare" fragt und wissen will, ob sie „noch Blume" habe, erteilt sie eine Abfuhr, die dem Ehepaar Dallius eine Strafpredigt über ihren „stolzen Eigensinn" wert ist. Entlassen wird sie trotzdem nicht, denn das Kalkül der Kollegin Adele erweist sich als richtig: Männer, die auf Widerstand stoßen, werden nur umso leidenschaftlicher — und spendabler. Die Verkäuferin, die nichts verkauft, wird zur besten Einnahmequelle des Hauses.

Ein Kunde mit Sprachbarriere

Die Erlösung erscheint in Gestalt eines jungen Südamerikaners namens Guillelmo, der den Laden ursprünglich betrat, weil er beim Schild Zur schönen Spanierin annahm, hier werde Spanisch gesprochen. Dallius zeigt auch ihm irgendwann die Kiste mit dem Bild; der junge Mann stürmt daraufhin zwar Amandas Zimmer, geht dann aber vor ihr auf die Knie und stammelt einen Heiratsantrag — „no ramera, no puta, esposa". Der Antrag ist ernst gemeint, allerdings an eine Bedingung des Schwiegervaters geknüpft, die Amanda mittels ärztlichen Attests mühelos erfüllt. Sie wird die glückliche Gattin eines reichen Kaufmanns; ihre Eltern sind versorgt.

Der schönen Spanierin bekommt der Verlust ihrer Zugnummer schlecht. Dallius versucht es fortan mit Zwang statt Überredung, eine Angestellte flieht durch die Hoftür, Beschwerden häufen sich, und eines Abends umstellt die Polizei das Lokal von vorn und hinten zugleich. Gefängnis für beide, danach bittere Armut — ausgerechnet Amanda lässt dem Paar später Unterstützungen zukommen. Ihr Gatte kauft das Ladenschild und bewahrt es auf: als Andenken an den Ort, an dem er seine Frau kennenlernte.


Wer nun nach dem Namen des Etablissements googeln möchte, sei gewarnt: „Zur schönen Spanierin", eine Tabak- u. Cigarren-Handlung, oder das heimliche Bordell. Altona 1861, E. M. Heilbutt'sche Verlagsbuchhandlung, Druck von J. C. H. Rüter, Hamburg. Die Geschichte ist 165 Jahre alt — nur an der Marge hat sich seither wenig geändert.