22-08-14 09:44 Alter: 12 yrs
VON:RALF KLEEMANN
London • Das Empire zerbröselt kulturell
Wie prekär die Situation für den kulturbewussten Zigarrenraucher mittlerweile geworden ist. hat der multiple Habanos-Experte Ralf Kleemann bei seinem Besuch in London festgestellt.
 |   Für den traditionsbewussten Zigarrenraucher noch heute eine Institution: J. J. Fox.
  Der Innenhof des St. James' Court. Unter freiem Himmel müsste Churchill heute rauchen. (Fotos: Ralf Kleemann)
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Ein Besuch in London ist ein besonderes Erlebnis, doch für einen passionierten Zigarrenraucher wie mich auch stets von einer existenziellen Sorge begleitet. Wo kann ich mit Genuss eine Zigarre rauchen? Im Mutterland eines Winston Churchill eine befremdlich anmutende Frage, dennoch (leider) stets präsente Realität. Vor den Türen der Büros dieser Stadt finden sich hastig inhalierende Zigarettenraucher, die Zigarette verzehrend und den letzten Rest lässig in den Rinnstein schnippend, bevor sie hastig an die Arbeit zurück eilen. Genuss ist etwas anderes.
In froher Erwartung lenke ich meine Schritte in Richtung St. James Street zu James J. Fox. Seit über 225 Jahren werden dort Zigarren verkauft. Winston Churchill, Oscar Wilde, britische und ausländische Könige, die Offiziere der berühmten britischen Regimenter, Schauspieler, Sportler, Journalisten aus aller Herren Länder haben dort ihre Zigarren gekauft. Ehrfürchtig betrete ich die heiligen Hallen, doch es empfängt mich nicht der betörende Duft einer köstlichen Havanna. Ein wunderschöner Laden, dunkles Holz, doch eigentlich riecht es gar nicht nach Zigarre.
Ein Blick in den mit Havannas gefüllten Humidor: Das Sortiment bietet keine Überraschungen, was man von den Preisen nicht sagen kann. Die britischen Steuerbehörden haben sich da wohl von den Straßenräubern des 18. Jahrhunderts mehr als inspirieren lassen. Zähneknirschend zahle ich den Preis von 24 britischen Pfund (29,95 EUR) für eine Montecristo No. 2. Die Lust, sie dort zu rauchen, vergeht mir allerdings. Die Leute im Laden sind trotzdem sehr nett und es gibt noch ein Foto im Stuhl von Winston Churchill.
Bei Berry Bros. & Rudd erstehe ich ein Flasche Dalmore Cigar Malt zu einem wirklich anständigen Preis, bevor mich mein Weg durch die Jermyn Street auf die Regent Street und mitten ins Gewühl der Menschenmassen führt. Doch auf meinem weiteren Weg durch die Stadt habe ich nirgendwo einen Ort gefunden an dem ich meine just erworbene Monte 2 hätte rauchen mögen. Churchill würde sich wohl im Grabe umdrehen.
Also gehe ich zurück zu meinem Hotel St. James' Court Buckinghams Gate 54. Dort, in diesem alten viktorianischen Hotel gibt es einen wunderschönen Innenhof mit wirklich bequemen Sesseln. Ich winke dem Kellner und bestelle mir einen Mai Tai und einen Aschenbecher. Während ich auf meinen Cocktail warte, hole ich meine Monte 2 hervor, die ich bei J. J. Fox erworben hatte. Voller Vorfreude schneide ich die Zigarre an und als mein Drink kommt, schweben bereits die ersten Wolken einer wirklich köstlichen Havanna durch den gut besuchten Innenhof. Der Mai Tai ist von erstklassiger Qualität und langsam beginne ich, mich wohlig zu entspannen.
Am Nebentisch sitzt eine Amerikanerin mit ihrer Tochter beim Essen und als sie tuschelnd ihre Köpfe zusammenstecken, ahne ich schon Schlimmes. Just in diesem Moment beugt sich ihre Tochter zu mir herüber und völlig überraschend sagt sie: „Das riecht aber wirklich gut.“
In diesem Moment ist die Welt für mich wieder in Ordnung und auch Winston Churchill hätte in diesem Umfeld sicherlich zufrieden seine Zigarre geraucht.