12-03-12 08:02 Alter: 14 yrs
VON:WALTER WIPPERSBERG
Meister der Irreführung
[GH] „Der Krieg gegen die Raucher“ ist wegen der Klarheit seiner Sprache und der Unverblümtheit seiner Vorwürfe erfrischend zu lesen.
Wahre Meister sind am Werk, wenn solche Studien entstehen. Sie beweisen, was nicht bewiesen werden kann. Mit »akribischer Scheingenauigkeit« (Ropohl) rechnen sie mit vielerlei Zahlen, die sie gar nicht kennen, setzen sie zueinander in Verbindungen, die nicht bewiesen und nicht beweisbar sind, nehmen Behauptungen für Wahrheiten, leiten aus drei Behauptungen eine vierte ab … Und – siehe da! – am Ende stehen phantastisch präzise Ergebnisse: Der volkswirtschaftliche Schaden, den Raucher pro Jahr in Österreich verursachen, beträgt 511,4 Millionen Euro. Und: In Deutschland starben in einem Jahr 3301 Menschen am »Passivrauchen«.
Es gibt Papiere, in denen diese Zahlen stehen. Wie sie zustande gekommen sind, spielt keine Rolle, es gibt sie, das genügt. Und jeder Anti-Raucher-Djihadist kann von da an erklären, über dies und das brauche man gar nicht zu diskutieren, weil ja wissenschaftlich eindeutig bewiesen sei, daß …
Nicht nur Günter Ropohl, auch andere Wissenschaftler haben sich mit den Methoden und der Glaubwürdigkeit solcher Studien beschäftigt, z. B. Beda M. Stadler, ordentlicher Professor an der Universität Bern und Direktor des Instituts für Immunologie. Er hat sich einen vom amerikanischen Department of Health and Human Services 2006 herausgegebenen 700-Seiten-Bericht mit dem Titel »The Health Consequences of Involuntary Exposure to Tobacco Smoke« näher angesehen, der vom Leiter der amerikanischen Gesundheitsbehörde den Medien so vorgestellt worden war: »Die Passivrauch-Debatte ist vorbei!« Die schädigende Wirkung des Passivrauchens sei mit diesem Bericht ein für alle Mal bewiesen. »Etwas eingeschüchtert«, schreibt Stadler, »habe ich mir die größte im Bericht zitierte Studie aus dem British Medical Journal zu Gemüte geführt. Diese prospektive Studie um- fasste einen Zeitraum von 39 Jahren und betraf 118.094 Kalifornier. Genauer analysiert wurden 35.561 Nichtraucher mit einem rauchenden Partner. Wahrscheinlich wird diese Megastudie nie mehr in einem solchen Umfang wiederholt werden, weil zu teuer, und vor allem, weil kein kausaler Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Sterblichkeit nachgewiesen wurde. Nimmt man die Resultate dieser Studie ernst, ist das relative Risiko für Passivraucher, an Lungenkrebs zu sterben, gar ein Viertel geringer als für Nichtraucher. Der Leiter der amerikanischen Gesundheitsbehörde zitiert diese Studie trotzdem hemmungslos, weil die Autoren behaupten, ein ›kleiner‹ Effekt durch Passivrauchen könnte dennoch vorhanden sein, obwohl sie dazu keine Daten haben. Erstaunlich.«
Der Krieg gegen die Raucher. Zur Kulturgeschichte der Rauchverbote. Wien, Promedia Verlag 2010. 13,90 Euro