07-09-15 07:54 Alter: 11 yrs
Neue EU-Warnhinweise: Zigarrenfabrik Villiger sieht Existenz bedroht
Neue EU-Richtlinien sehen für Tabakprodukte größere Warnhinweise und Schockfotos vor. Weil der deutsche Regierungsentwurf die für Zigarren mögliche Ausnahmeregelung nicht nutzt, sieht das Tiengener Traditionsunternehmen Villiger existenzbedrohende Kostenprobleme, schreibt Roland Gerard im „Südkurier“.
Wenn die strengeren EU-Warnhinweise für Tabakverpackungen in der augenblicklich geplanten Form Gesetz würden, sähe die Tiengener Zigarrenfabrik Villiger existenzbedrohende Kosten auf sich zukommen. CDU-Bundestagsabgeordnete Kordula Kovac aus Wolfach, Berichterstatterin im zuständigen Ausschuss, informierte sich im Werk und will das Problem bei den weiteren Beratungen in Berlin zum Thema machen, wie die in Konstanz erscheinende Tageszeitung „Südkurier“ zu Wochenbeginn berichtete.
Zum 20. Mai 2016 sollen die verschärften EU-Richtlinien für Gesundheits-Warnhinweise durch die einzelnen Mitgliedsstaaten umgesetzt werden. Die Vorschriften sehen unter anderem Schockfotos vor und besagen, dass die Hinweise 65 Prozent der Verpackung bedecken müssen. Im Unterschied zu Zigaretten machen die Richtlinien jedoch bei Zigarren und Zigarillos Ausnahmen möglich. Demzufolge wären die Warnhinweise zwar immer noch deutlich größer als bisher, müssten laut Villiger-Angaben aber lediglich 30 Prozent der Vorderseite und 40 Prozent der Rückseite bedecken. Und auf Schockfotos könnte verzichtet werden.
Die Folgen will sich keiner ausmalen.
Doch entgegen den Erwartungen der Branche sieht der mittlerweile vorliegende Gesetzesentwurf des Bundesernährungsministeriums vor, dass auch bei Zigarren und Zigarillos die strengen Zigaretten-Regelungen angewendet werden. Clemens Gütermann, Delegierter des Villiger-Verwaltungsrats, sieht damit existenzielle Probleme: „Wenn das so kommt, werden wir uns entscheiden müssen, ob das Unternehmen weitergeführt wird oder nicht.“
Denn im Unterschied zur Zigarettenindustrie mit ihrer Massenproduktion arbeiteten mittelständische Hersteller von Zigarren und Zigarillos mit Warnhinweisen, die in Kleinserie als Aufkleber gedruckt und in Handarbeit aufgebracht werden müssten.
Weiterhin tragbar wären die Kosten aus Villiger-Sicht, wenn die Ausnahmeregelung käme. Dann könnte man mit standardisierten Etiketten arbeiten. Anders sähe es jedoch aus, müsste der Hersteller und Importeur von Zigarren und Zigarillos die 65-Prozent-Vorschrift umsetzen. Angesichts der rund 900 verschiedenen Packungsgrößen wäre dann der Aufwand nicht mehr vertretbar. Villiger-Geschäftsführer Peter Witzke: „Die Kosten können wir nicht stemmen.“ Eine Reduzierung der Angebotspalette, um die Handhabung der Warnhinweise zu vereinfachen, wäre aus Villiger-Sicht keine Alternative. Clemens Gütermann: „Das Unternehmen lebt von der Vielfalt der Produkte.“
Zusammen mit ihrem Waldshut-Tiengener Fraktionskollegen Thomas Dörflinger besuchte die CDU-Bundestagsabgeordnete Kordula Kovac gestern die Firma Villiger. Die Politikerin aus dem Ortenaukreis ist Berichterstatterin im Bundestagsausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Dieses Gremium ist zuständig für die Umsetzung der EU-Tabakrichtlinie in deutsches Recht.
Kovac hat sich auch bereits bei einem Zigarrenhersteller in Westfalen über die Problematik informiert. In Tiengen fiel ihr zusätzlich auf, wieviel unterschiedliche Kistchen es allein bei den aus Kuba importierten Zigarren gibt. Zum Etikettierungsaufwand käme bei Umsetzung der EU-Maximalrichtlinie noch ein ästhetischer Kollateralschaden hinzu: Auch der Käufer einer edlen 45-Euro-Cohiba würde auf der schwarzglänzend lackierten Schatulle mit einem großformatigen Schockfoto konfrontiert.
„Wir werden das alles noch einmal überdenken“, sagte Kordula Kovac zu. Die Einwände der Branche würden in der zuständigen Arbeitsgruppe und im Ausschuss zum Thema, ehe der Gesetzesentwurf vor den Bundestag kommt. Ihr Waldshut-Tiengener Kollege Thomas Dörflinger bezog schon jetzt klar Position gegen die strenge Anwendung der EU-Richtlinien. Allerdings lehnt er die Warnhinweise auf Tabakprodukten auch grundsätzlich ab: „Der Staat hat nicht die Aufgabe, das Leben seiner Bürger bis in die letzten Kleinigkeiten zu regeln.“
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des „Südkurier“.