05-08-14 06:26 Alter: 12 yrs
VON:DR
Rauchen mit Franz Ferdinand – Loungebericht Park Hyatt Vienna –
Wenn Zigarrenrauch nach unten zieht …
Zwischen Hotellerie und Zigarren besteht oft kein inniges Verhältnis. Der Genuss wird nur zu gerne verleidet etwa durch Bars mit Raucherlaubnis, in denen erst nach 22 Uhr zur Zigarre gegriffen werden darf, weil sich zuvor Zigarettensüchtige belästigt fühlen, oder durch Räumlichkeiten, die ein besserer Abstellraum sind und eindeutig nur zum bloßen Anlocken Zigarren-affiner Reisender gedacht sind, ohne ehrliches Interesse an ihnen zu haben und sie entsprechend zu umsorgen.
Ausnahmen sind deshalb umso erwähnenswerter. Das im Juni in Wien neu eröffnete Park Hyatt Vienna kann eine solche werden.
Im früheren, 100 Jahre alten Gebäude der Bank Austria Kreditanstalt im „Goldenen Quartier“, Wiens bester Ecke im 1. Bezirk, ist das beeindruckende Luxushotel mit seinen 143 Zimmern – davon 35 Suiten – eingezogen. Zwischen rund 400 und 5000 Euro kostet eine Nacht, geboten werden unter anderem mit allerlei Hightech ausgestattete Unterkünfte, das sehr gute Restaurant „The Bank“ in der historischen Kassenhalle und die Möglichkeit, im einstigen Tresorraum Bahnen zu ziehen – die Bodenfliesen des Pools sind dazu passend mit Blattgold verkleidet.
Besonderes Augenmerk gilt jedoch der Lounge „Living Room“, die sich im einstigen Kundenzentrum sowie der ehemaligen Wertpapierstelle befindet – den einzigen völlig original erhaltenen Räumen des Hauses, das während der Umbauarbeiten von einem Brand in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Zwischen holzvertäfelten Wänden finden in der großzügigen Lounge – sie wird um die 50 Quadratmeter messen – mindestens 21 Aficionados bequem Platz. Ein großartiges Ambiente, insbesondere wenn der Blick durch die Flügeltüre auf das Gemälde Kaiser Franz Ferdinands fällt, das im kleinen Nichtraucherbereich nebenan über der sehr großen Whisky-Auswahl hängt (Stammgäste können sich Fächer für ihre Flaschen mieten).
Der Humidor befindet sich hinter einer in die Wand eingelassenen Türe und gab während des Aufenthalts Anfang Juli leider Anlass zur Kritik. Die Zigarrenauswahl konnte sich zwar sehen lassen, neben einigen kubanischen Standards gibt es auch Spezialitäten auf der Zigarrenkarte wie die Hoyo de Monterrey Grand Epicure 2013 oder die Partagas Lusitania Gran Reserva (allerdings auch eine Albernheit wie eine Zigarre namens Daniel Marshall 18 Karat Gold für 288 Euro, in die Blattgold eingearbeitet ist. Man hat eine ungefähre Vorstellung davon, wer so etwas kauft).
Der Blick in den Humidor selbst war allerdings ernüchternd: Bei 48 Prozent Luftfeuchtigkeit lag dieser, deutlich zu niedrig also. Die Zigarren knisterten vor sich hin, was auch potentiellen Käufern nicht verborgen blieb. Hinweise von Aficionados zeigten allerdings zeitnah Wirkung und es wurde ein Plexiglashumidor angeschafft, in dem die Zigarren liegen sollten, bis der Humidor „eingefahren“ ist. Lobenswert und nicht zuletzt mit Blick auf die Preise sinnvoll: Diese beinhalten einen Gastronomie-Aufschlag von 40 Prozent. Eine Montecristo Edmundo liegt so bei 23, eine Cohiba Siglo VI bei 49 und vorgenannte Partagas bei 82 Euro. Stammgäste werden die Möglichkeit haben, in angefertigten Kisten ihre eigenen Schätze im Humidor zu deponieren.
Der Zigarrenrauch steigt übrigens nicht unter die reichlich stuckverzierte hohe Decke, sondern wird von einem ausgeklügelten Belüftungssystem durch den Fußboden abgezogen. Von dort kommt zugleich die Frischluft. Dazu befinden sich – verdeckt durch einen Teppich – im Parkettboden in der Mitte des Raumes Hunderte Löcher. Eine gewöhnliche Abluftanlage in der Decke war aufgrund des Denkmalschutzes nicht möglich.
Am Service gibt es nichts auszusetzen, dieser ist sehr aufmerksam, sowohl was die Versorgung mit Getränken anbelangt – die Getränkepreise, zumindest nicht alkoholisch, liegen übrigens in Restaurant, Bar, Lounge und Minibar deutlich unter deutschem Hotelniveau – als auch das Bereitstellen und Leeren der Zigarrenascher.
Das Park Hyatt ist also eine unbedingte Empfehlung für den Wien-Aufenthalt jener Aficionados, die gediegenen Luxus in historischem Ambiente schätzen und bereit sind, dafür mit die höchsten Zimmerpreise Wiens zu zahlen, wobei die Lounge selbstverständlich auch Nicht-Gästen offen steht.
Beim nächsten Update steht die Lounge auf der Landkarte der Zigarrenlounges.
Ein Blick in die Lounge …