25-06-12 12:43 Alter: 14 yrs
VON:DAVID ROLLIK
Rezension: Passivrauchen
„Die Diskussion über das Passivrauchen wurde zu Unrecht für beendet erklärt“
Viel gab es zum „Passivrauchen“ und dessen Schädlichkeit in den vergangenen Jahren in den Medien zu lesen. Stets kolportiert wurde die Zahl von jährlich über 3000 Toten durch Passivrauchen, eine Zahl, die das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) mit der
Publikation „Passivrauchen, ein unterschätztes Gesundheitsrisiko“ im Jahr 2005 in die Welt setzte. Dort wurde sie von Gesundheitsaposteln bereitwillig und weitgehend ungeprüft aufgenommen, fand aber auch beim Gesetzgeber und höchsten Gerichten Gehör, die ihre sogenannten Nichtraucherschutzgesetze darauf aufbauten.
Romano Grieshaber kann das nicht nachvollziehen und hat deshalb das Buch „Passivrauchen“ geschrieben. Der Honorarprofessor für Angewandte Prävention und Gesundheitsförderung an der Universität Jena und frühere Leiter der Prävention und Forschung der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten will damit aufzeigen, dass die Zahlen des DKFZ nicht plausibel sind, dass die Wahrheit zum Thema Passivrauchen mitnichten bereits gefunden ist, dass vielmehr weitergeforscht, dass die Debatte „auf Basis von Fakten“ noch einmal neu begonnen werden muss.
Mit Irritation und Furor gegen das Krebsforschungszentrum
„Götterdämmerung der Wissenschaft“ heißt es im Untertitel, was die Stoßrichtung klar macht: Hier geht es nicht um einen nüchternen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte, vielmehr macht der Autor kein Geheimnis aus seiner Irritation über die aus seiner Sicht vorherrschende Tendenz des gesundheitswissenschaftlichen Betriebs, vermeintliche Mythen um das Passivrauchen zu befördern. Man merkt aber auch in beinahe jeder Zeile den Furor, mit der der Autor gegen die aus seiner Sicht fundamentalistischen Anschauungen von Weltgesundheitsorganisation WHO und DKFZ beziehungsweise des am DKFZ angesiedelten WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle anschreibt.
Auf 258 Seiten plus Anhang will Grieshaber, der nach eigenen Angaben „zeitlebens Nichtraucher“ war, zeigen, dass die Annahmen der Wissenschaftler von WHO und DKFZ auf falschen wissenschaftlichen Ergebnissen beruhen, ja, dass es überhaupt nicht wissenschaftliche Motive sind, die die Organisationen antreiben, sondern politische, die nur vordergründig dem Ziel folgen, Nichtraucher vor Passivrauchen zu schützen. Vielmehr mutmaßt Grieshaber, dass es darum geht, die Menschheit generell vom Rauchen zu befreien.
Die Alten verdoppeln die Passivrauch-Todesfälle
So hinterfragt Grieshaber in seinem weitgehend in der Ich-Perspektive geschriebenen Buch vor allem kritisch die Passivrauch-Studie des DKFZ, bei der er beispielsweise nicht nachvollziehen kann, weshalb auch die Altersgruppe der Über-79-Jährigen in die Untersuchung Eingang fand. Über Menschen dieses Alters gebe es keine gesicherte Datenbasis, zudem litten sie oft an so vielen theoretisch tödlich verlaufenden Krankheiten, dass Passivrauch als Todesursache kaum zu isolieren sei. Für die Studie hätten die Alten aber eine besondere Bedeutung gehabt, ohne sie wäre man nur auf rund 1600 Todesfälle durch Passivrauch gekommen.
Doch das DKFZ baue seine Arbeit auf der Epidemiologie auf, laut Wikipedia die wissenschaftliche Disziplin, die jene Faktoren untersucht, „die zu Gesundheit und Krankheit beitragen, und ist deshalb die Basis aller Maßnahmen, die im Interesse der Volksgesundheit unternommen werden“. Die Epidemiologie kommt Grieshaber zufolge zu „scheinbar so rationalen, auf Beobachtung, Messung und Berechnung basierenden Ergebnissen“, sei aber zugleich auch eine der besonders irrtums- und missbrauchsanfälligen Wissenschaften. Grieshaber unterstellt den Forschern dabei mangelhafte Bereitschaft, ein möglichst realitätsnahes Ergebnis zur obersten Priorität zu machen. Stattdessen werde alles Unpassende ignoriert, aber freudig und notfalls auch ungeprüft alles aufgegriffen, was die eigenen Ergebnisse zu bestätigen scheine.
Irland war musterhaft, gebracht hat es aber nichts
Daneben geht Grieshaber unter anderem auf Irland ein, wo es seit 2004 ein absolutes Rauchverbot gibt. Dort sei der Zigarettenkonsum aber nicht zurück gegangen, nach dem Verbot habe die Zahl der Raucher höher gelegen; die Erhöhung der Preise auf weltweit mit die teuersten habe zudem lediglich bewirkt, dass der Anteil an Schmuggelware drastisch gestiegen sei; zugleich habe ein großes Kneipensterben eingesetzt. Irland habe die Vorgaben der WHO „musterhaft“ umgesetzt. Gebracht habe es aber nachweislich nichts. Dennoch versuche die WHO, ähnliche rigorose Rauchverbote auch in anderen Ländern durchzusetzen, womit Grieshaber auch einen Bogen zum absoluten Rauchverbot in Bayern schlägt und unter der Überschrift „Absurdistan ist überall“ kurz die Nürnberger Casa del Habano erwähnt.
Plausibel oder ein „Märchenbuch“?
Vieles klingt plausibel in Grieshabers Buch, doch schmälert die sehr subjektive Schreibweise die Glaubwürdigkeit, Seite für Seite verstärkt sich der Eindruck, einen Sarrazin des Passivrauchens vor sich zu haben. Da helfen auch die zahlreichen Verweise auf Studien und wissenschaftliche Literatur nicht, immerhin über 350 Fußnoten finden sich auf den Seiten.
Und wie steht es um Grieshabers wissenschaftliche Erkenntnisse? Am Ende stehen sie gegen die anderer Wissenschaftler. Jeder wird sich in seiner Sichtweise bestätigt sehen, die Nichtrauchaktivisten, die Grieshabers Buch ein „Märchenbuch“ schmähen und jene, die der DKFZ Teufelswerk unterstellen. Vielleicht ist es tatsächlich so, wie Grieshaber schreibt: Die Wahrheit ist noch nicht gefunden, es muss weiter geforscht werden. Dabei ist Grieshabers Buch in jedem Fall ein interessanter Debattenbeitrag. Aber auch nicht mehr.
D.R.
Der Rezensent hat während der Lektüre und der Arbeit am Text neun kubanische Zigarren geraucht. Er war dabei alleine und hat somit niemanden gefährdet.
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