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12-06-10 00:00 Alter: 16 yrs

VON:GH

Smokerquiz 23 • Lösung

Gefragt war nach der Anzahl der Zigarrengeschäfte im Berlin der Goldenen Zwanziger – genauer: Im Jahre 1927.



Immer wieder sonntags …


Der Zeitgeist unserer angeblich ach so modernen Gesellschaft weht dem Zigarrenraucher heftig ins Gesicht.

Das war nicht immer so.

In den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts umfasste der Lebensmitteleinkauf Brot, Butter und Zigarren – und seien es auch nur die zwei oder drei gewesen, die man pro Woche rauchte.

Die Bilder, die der Zigarrenhändler Boenicke 1929 in seiner Jubiläumsschrift zum 50. Gründungstag veröffentlichte (siehe Zigarrenbibliothek), zeigen, welchen Stellenwert die Zigarre hatte. Alleine die Lagerkapazität eines einzelnen Berliner Geschäftes lag bei 16 Millionen Zigarren. Zum Vergleich: In Deutschland werden etwa 6 Millionen kubanische Zigarren pro Jahr verkauft.

Damals sprach man noch von Berlin (das waren die Bezirke Mitte, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg und Tiergarten) und Großberlin (dann zählten die Vororte wie Charlottenburg, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg etc. dazu). Definieren wir, dass Berlin gleich Großberlin ist.

Da die Zigarre selbstverständliches Lebensmittel des Mannes und des Herrn war, gab es auch mehr Zigarrengeschäfte. Darunter wollen wir in diesem Zusammenhang die Geschäfte verstehen, in denen der Endver(b)raucher Zigarren kaufen konnte. Dass in diesen Geschäften sicherlich auch noch Zigaretten und Pfeifentabake verkauft wurde, ist irrelevant.

Das Zahlenmaterial über Zigarrenhändler war in den goldenen Zwanzigern  höchst lückenhaft – mit einer Ausnahme: Berlin. Dort hat sich jemand sogar mit der Frage beschäftigt, wie weit man in den einzelnen Bezirken gehen musste, um einen Zigarrenhändler zu treffen beziehungsweise wie viele Zigarrengeschäfte es pro Einwohner gab.

Sie haben es da einfacher, denn Sie sollen in dieser Woche nur die Frage beantworten, wie viele Zigarrengeschäfte es im Jahr 1927 in Berlin gab.

Um diejenigen, die einige Zeit in die richtige Lösung investieren, gegenüber denjenigen zu bevorzugen, die „einfach mal so“ tippen und Glück haben, werden – das ist neu in der sechsjährigen Geschichte des Smokerquiz – für eine falsche Antwort 20 Tabakblätter dem Lager entnommen.

Bei Zigarrengeschäften und Berlin kommt einem schnell der Gedanke an Berlins Zigarrenhändler Maximilian Herzog. Wer dort fragte, wurde auf die Zigarrenakademie am Hafen verwiesen, die sich auch mit diesem Thema befasst  hat und es veröffentlichte.

Eine andere Möglichkeit war, in der hauseigenen oder der Universitäts-Bibliothek in die Promotion des Adolf Schwarzlose aus dem Jahre 1931 zu schauen. Der Standortswert für Tabakwarengeschäfte mit besonderer Berücksichtigung der Verteilung des Zigarren- Zigaretten- und Tabakhandels in Berlin.

Das zusammenfassende Ergebnis findet man auf Seite 28.

Wer da sagte: Ich glaube nichts, was ich nicht selber gezählt habe, konnte natürlich via Internet auf das Telefon- und Branchenbuch der Stadt Berlin aus dem Jahre 1927 zurückgreifen und dort in der Rubrik „Zigarren- Zigaretten- und Tabakgeschäfte“ zählen.

Weg und Ergebnis hat Berthold W., Habanos-Experte und Zigarrenmeister, anschaulich beschrieben:

als Quelle für die Beantwortung des Smokerquiz 23 habe ich das Berliner Branchenadressbuch von 1927 genutzt. Das passt jedoch nicht auf die von »Art of Smoke« vorgegebenen Zahlen.
Laut dieser Quelle gab es 5.189 (und nicht 5.089) Zigarren-, Zigaretten- und Tabakgeschäfte in Berlin (Seiten 742 - 756). Ich habe das zweimal gezählt, die Zusammenrechnung ebenfalls überprüft.
Dazu kommen auf jeden Fall die im Adressbuch als reine Zigarrenhandlungen deklarierten 83 Geschäfte (S. 741/742). Macht insgesamt 5.272 Geschäfte.
Weiterhin gab es damals noch 49 Einfuhrgeschäfte. Man kann sicherlich darüber streiten, ob alle diese Geschäfte Einzelverkauf betrieben und für die Beantwortung der Smokerquizfrage relevant sind. Als Beispiel nenne ich hier Otto Boenicke mit seinen drei dort angeführten Geschäften oder Louis Rex: Groß- und Kleinverkauf bzw. C. G. Gerold mit Haupt- und Filialadresse. Das wären dann 5.321 Geschäfte.
Dann gibt es da noch die Zigarrengroßhandlungen, die, zumindest teilweise, auch Verkaufsgeschäfte betrieben (z. B. Boenicke, Oscar Görner, Max Torge). Andererseits gibt es hier Einträge wie W. Hiestrich Nfg., die sich als Lager verstehen oder den reinen Großvertrieb Robert Poscich. Ich komme hier auf 156 Adressen + 75 nicht näher lokalisierte "eigene Geschäfte" der Fa. Palm Zigarren.
Wenn ich die Einfuhrgeschäfte vernachlässige und die 156 Großhandlungen mitzähle, komme ich auf 5.428, was der Vorgabe 5.429 am ehesten entspricht.
Da ich nicht weiß, welche Quelle Ihrer Frage zugrundeliegt, könnte es z. B. sein, daß sich der Autor der Quelle beim Zusammenzählen um 100 verrechnet hat (5.089 anstatt 5.189 Geschäfte). Ich gehe davon aus, daß das Berliner Branchenadressbuch von 1927 eine zuverlässige Quelle zur Beantwortung der Smokerquizfrage darstellt, weil es eben ein Adress- und kein Telefonbuch ist. Andererseits kann ich rechnen wie ich will und auch noch einen „Verzählfaktor“ einbauen: Das Ergebnis lässt sich nur schwer oder gar nicht mit den vorgegebenen Zahlen zur Deckung bringen. Wenn nämlich die Großhandlungen mitzählen, dann müssten auch die Einfuhrgeschäfte zählen.

Diese nachträgliche Zahlenprüfung kommt 80 Jahre später zu einem fast identischen Ergebnis. Gründe für die Unterschiede finden sich auf S. 25 unten der Dissertation.

Aber, wie gesagt: Ein kurzer Blick in die Akademieergebnisse …

Die für die richtige Antwort – 5.429 – verdienten Tabakblätter werden in den nächsten Tagen eingelagert, die „verzockten“ werden dem Lager entnommen. 


Links:

www.herzog-am-hafen.de/zigarren_akademie.php

adressbuch.zlb.de/viewAdressbuch.php