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26-05-26 06:00 Alter: 12 days

VON:GH

Zugfahrt mit Zigarre • Die Frage der Kraft

Wer oder was kann oder sollte eine veritable Ansammlung von Hedonisten durch das Herz von Niedersachsen ziehen?



Ebenso sorgfältig wie der Zigarrenraucher die passende Zigarre auswählt, wird auch die richtige Lok für eine Zugfahrt mit Zigarre ausgewählt.

Am 11. Juli werden wir fahren. Auf der Museumseisenbahn des Deutschen Eisenbahn-Vereins (DEV) zwischen Bruchhausen-Vilsen und Asendorf, auf einer meterspurigen Schmalspurstrecke,1 auf der der Zug den Geestrand auf dem ersten Abschnitt bis Heiligenberg um rund 38 Höhenmeter überwindet.2

Der DEV unterhält acht Dampflokomotiven.3 Welche davon am 11. Juli betriebsfähig ist, weiß heute noch niemand. Dampfloks sind keine Geräte, sie sind Lebewesen. Sie haben Hauptuntersuchungszyklen, Kesselprüffristen und Launen. Und sie gehorchen keinem Veranstaltungskalender.

Die Franzburg

Baujahr 1894, gebaut von der Vulcan Stettiner Maschinenbau-AG für die Franzburger Kreisbahnen in Pommern, Gattung B n2t (zweiachsige Tenderlok ohne separaten Wasserwagen, Nassdampfbetrieb, zwei Zylinder), Lenz-Typ „Pommern".4 Über sieben Jahrzehnte im Planeinsatz, danach als Kinderspielzeug bunt bemalt im Freizeitpark Minidomm bei Düsseldorf, 1980 an den DEV, 1982 nach Aufarbeitung wieder in Fahrt.4

Konkrete Zugkraft- und Leistungswerte für diesen Typ sind in zugänglichen Quellen nicht belegt. Vergleichbare zweiachsige Schmalspurloks dieser Ära entwickelten in der Regel 60 bis 100 PS und eine Anfahrzugkraft im Bereich von 20 bis 30 Kilonewton – das entspricht einem kräftigen Ackerschlepper. Für drei Touristenwagen in der Ebene ausreichend. Für das, was am 11. Juli am Zugschluss hängen soll, wird es eng.

Die Hoya

Baujahr 1899, Hannoversche Maschinenbau AG (Hanomag), Fabriknummer 3341, Gattung C n2t (drei angetriebene Achsen – mehr Haftgewicht, mehr Schub –, Nassdampf, zwei Zylinder, Tenderlok ohne separaten Wasserwagen).5, 6 Ihr Dienstgewicht beträgt 22,5 Tonnen.7 Die Hoya wurde seinerzeit für genau diese Strecke gebaut und zieht seit 1968 Museumszüge durch die Heide.5

Belegte Zugkraftzahlen existieren für diesen Typ in frei zugänglichen Quellen nicht. Auf Grundlage des Dienstgewichts und vergleichbarer Schmalspurloks ist eine Anfahrzugkraft im Bereich von 30 bis 40 Kilonewton realistisch.

Ihre Schwester Bruchhausen (Hanomag, Fabriknr. 3344, baugleich, ebenfalls 1899) steht seit 1971 als Denkmal im Kreisverkehr am Bahnhof Bruchhausen-Vilsen5 und scheidet als Zugoption aus.

Die Hermann

Baujahr 1911, Hohenzollern AG für Lokomotivbau Düsseldorf-Grafenberg, Fabriknummer 2798, ebenfalls Gattung C n2t (drei angetriebene Achsen, Nassdampf, zwei Zylinder, Tenderlok).8, 6 Sie kam 1968 von der stillgelegten Kreis Altenaer Eisenbahn zum DEV und ist seit 1979 nach Aufarbeitung durch die Lokomotivfabrik Jung und die österreichischen Bundesbahn-Hauptwerkstatt Knittelfeld wieder in Betrieb.8 Als dreiachsige Lok ist sie in derselben Leistungsklasse wie die Hoya und damit ebenfalls ein ernsthafter Kandidat für den 11. Juli.

Die Spreewald

Baujahr 1917, Arnold Jung GmbH Lokomotivfabrik Jungenthal, Fabriknummer 2519, Gattung 1'C n2t (eine nicht angetriebene Vorlaufachse zur besseren Spurführung, drei angetriebene Treibachsen, Nassdampf, zwei Zylinder, Tenderlok – insgesamt vier Achsen, drei davon angetrieben).9, 6 Sie wurde 1917 für die Pillkaller Kleinbahn in Ostpreußen gebaut, gelangte nach Kriegsende zur Spreewaldbahn, dort als DR 99 5633,10 und kam 1971 nach Aufarbeitung durch das Reichsbahnwerk Wernigerode zum DEV.9

Auch für die Spreewald sind Leistung und Zugkraft in frei zugänglichen Quellen nicht belegt. Als Lok mit Vorlaufachse und drei Treibachsen ist sie die schwerste und zugkräftigste Dampflok im aktiven DEV-Bestand. Sie ist die Dame, die man ruft, wenn es ernst wird.

Die Plettenberg

Baujahr 1927, Henschel & Sohn Kassel, Gattung B h2t (zweiachsig, Heißdampf, zwei Zylinder, Tenderlok).11 Sie gehört zur Gattung der Trambahndampfloks, entwickelt für Bahnen auf öffentlichen Straßen mit Rillenschienen; das Fahrwerk ist zur Unfallvermeidung verkleidet, der kastenförmige Aufbau gibt dem Lokführer eine bessere Streckenübersicht.11 Im Zugkraftbereich liegt sie zwischen Franzburg und Hoya.

Der 7s Mallet und die 99 211 – zwei Loks ohne Einsatz

Vollständigkeit gebietet, auch die beiden übrigen Dampfloks im Bestand zu nennen. Der 7s Mallet (Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe, Baujahr 1897, Gattung B'B n4vt – zwei vierachsige Triebwerksgruppen, Vierzylinder-Verbunddampf, Tenderlok) kam 1995 in schlechtem Zustand vom ehemaligen Spielplatz Rheinstrandbad Rappenwörth zum DEV und befindet sich seit 1997 in umfangreicher Aufarbeitung.12 Sie ist nicht betriebsfähig.

Die 99 211 (Henschel & Sohn Kassel, Baujahr 1929, Gattung C n2t) war von 1929 bis 1958 auf der Inselbahn Wangerooge im Einsatz und stand danach jahrzehntelang als Denkmal am alten Leuchtturm auf Wangerooge. 2025 übergab Wangerooge die Lok an den DEV, wo sie gesichert und dauerhaft untergestellt wird; eine Wiederinbetriebnahme wird langfristig angestrebt.13 Auch sie ist nicht betriebsfähig.

Kurz gesagt: Für den 11. Juli wäre die Spreewald die Traumbesetzung, die Hoya oder die Hermann wären die solide Lösung, die Franzburg wäre sportlich, die Plettenberg eine Kuriosität. Der 7s Mallet und die 99 211 stehen nicht zur Verfügung. Welche Lok tatsächlich unter Dampf steht, entscheidet sich im Lokschuppen.


1 – DEV Museumseisenbahn, Startseite: https://museumseisenbahn.de/index.php/de/
2 – Die Angabe von rund 38 Höhenmetern ist ein Näherungswert. Die verfügbaren Quellen weichen voneinander ab: Für den Bahnhof Bruchhausen-Vilsen werden 14 bis 20 m NN angegeben (en.wikipedia.org/wiki/Bruchhausen-Vilsen; openstreetmap.org), das Plateau des Heiligenbergs liegt bei rund 55 m NN (bergfex.de/sommer/niedersachsen/touren/wanderung/3910646; weser-kurier.de, 28. November 2021). Je nach Ausgangs- und Zielpunkt ergibt sich ein Höhenunterschied zwischen 35 und 41 Metern. Der Wikipedia-Artikel zum Deutschen Eisenbahn-Verein (https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Eisenbahn-Verein) nennt „etwa 38 m", ohne Einzelnachweis.
3 – DEV Fahrzeugliste: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/jfahrzeug.htm
4 – DEV, Dampflokomotive Franzburg: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/franzburg.htm
5 – DEV, Dampflokomotiven Hoya & Bruchhausen: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/hoya.htm
6 – Wikipedia, Bauartbezeichnung von Triebfahrzeugen: https://de.wikipedia.org/wiki/Bauartbezeichnung_von_Triebfahrzeugen
7 – Wikipedia, Liste schmalspuriger Dampflokomotiven von Hanomag (Fabriknr. 3341, Dienstgewicht 22,5 t): https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_schmalspuriger_Dampflokomotiven_von_Hanomag
8 – DEV, Dampflokomotive Hermann: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/hermann.htm
9 – DEV, Dampflokomotive Spreewald: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/spreewald.htm
10 – Wikipedia, PKB Nr. 21 bis 25: https://de.wikipedia.org/wiki/PKB_Nr._21_bis_25
11 – DEV, Dampflokomotive Plettenberg: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/plettenberg.htm
12 – DEV, Dampflokomotive 7s Mallet: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/mallet.htm
13 – DEV, Dampflokomotive 99 211: https://www.museumseisenbahn.de/jfahrzeug/99211.htm