11-09-25 11:30 Alter: 181 days
VON:FD
Zwischen Braukessel und Humidor – ein Bamberger Feldversuch mit Schaumkrone
Ein Bamberger Aficionado hat sich nicht geschont: Er investierte erhebliche Zeit, um Bier und Zigarren zusammenzubringen. Bamberg bedeutet Bier – und warum nicht zur Zigarre? Das Ergebnis ist ein Streifzug durch Kellerbiere, Craftbiere und Rauchbiere, ein Spiel der Aromen und ein Aufruf an Nachahmer: Wer wagt, gewinnt.
 |   Romeo y Julieta mit einem Kellerbier
  Oliva V Lancero mit einem Weiherer Fat Head IPA
  Horacio Colosso mit einem Rauchbier (alle Bilder: FD)
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Stellen wir uns eine klassische Szene vor: Eine Zigarre wird entzündet, der Rauch zieht in eleganten Schwaden nach oben, und im Glas funkelt … na klar, ein kräftiger Rum oder ein edler Whiskey. Genau so sieht das Bilderbuch der Zigarrenkultur aus, jedenfalls in den Köpfen vieler Genießer. Doch wenn man in Bamberg lebt – jener Stadt, in der die Brauereien zahlreich und die Biergärten und -keller omnipräsent sind – dann drängt sich irgendwann eine ketzerische Frage auf:
Warum nicht mal ein Bier zur Zigarre?
Zugegeben, Puristen würden bei diesem Gedanken vermutlich die Stirn runzeln. Bier – das Getränk für Stammtisch und Fußballabend – als Begleiter einer feinen Zigarre? Klingt im ersten Moment so passend wie Weißwurst zum Champagner. Aber gerade in Bamberg, wo der Besuch auf dem Bierkeller nahezu eine spirituelle Erfahrung ist, wirkt die Idee plötzlich gar nicht mehr so abwegig.
Natürlich bin ich mir sicher, dass längst schon der eine oder andere Aficionado heimlich zur Zigarre ein Bier geöffnet hat – wahrscheinlich ganz unprätentiös und ohne große Theorie dahinter. Doch genau darum soll es hier nicht gehen. Mir geht es um den bewussten Genuss, um das Entdecken regionaler Spezialitäten und um die Frage: Welche Biere aus Bamberg und Umgebung harmonieren tatsächlich mit welchen Zigarren? Denn so wie nicht jede Spirituose automatisch zur Zigarre passt, so will auch das Bier als Zigarrenbegleiter mit Bedacht gewählt sein.
Auswahl der Genussmittel
Zunächst ging es bei der Planung darum, das geeignete Rauchmaterial und die passenden Biere zu finden. Denn Bier ist nicht gleich Bier, und auch Zigarren zeigen ja bekanntermaßen eine Vielfalt, für die Aficionados das Genussmittel so schätzen. Es wäre also zu einfach, wahllos ein Bier und eine Zigarre zusammenzuführen – das Ergebnis hätte vermutlich genauso ernüchternd gewirkt wie ein wässriges Pils in der prallen Sonne.
Stattdessen habe ich mich bewusst für eine Auswahl entschieden, die ein Panorama des (ober)fränkischen Biergenusses widerspiegelt. Drei Pairings, die nicht nur geschmacklich interessant sind, sondern auch eine Geschichte erzählen.
Das erste soll klassisch sein, sozusagen die Basis. Ein Kellerbier, wie man es auf jedem Bierkeller der Region bekommt – süffig, rund, ohne Schnörkel, ein Bier für die Leute und für den Alltag. Wenn also irgendwo die Verbindung zwischen Rauch und Malz beginnen soll, dann hier.
Das zweite soll zeigen, dass auch Franken längst in der Gegenwart der Craftbier-Bewegung angekommen ist. Junge Brauer, die mit Hopfen, Hefe und Malz experimentieren, schaffen Biere, die fruchtig, modern und durchaus international wirken, dabei aber trotzdem fest in der Region verwurzelt bleiben. Ein solches Craftbier verlangt natürlich nach einer Zigarre, die Charakter hat und die feinen Aromen nicht gleich überdeckt, sondern mit ihnen spielt.
Den Abschluss schließlich bildet ein Bamberger Original: Rauchbier. Geliebt oder verachtet, kaum ein Bier polarisiert regional so sehr wie das berühmte Bamberger Rauchbier. Wer es mag, weiß um seine Wucht und Eigenständigkeit – es ist kein Getränk für nebenbei, sondern ein Statement. Und genau deshalb braucht es auch eine Zigarre, die diesem Aromenspektakel standhalten kann. Hier wollte ich bewusst ein Pairing wagen, das vielleicht ungewöhnlich klingt, aber großes Potential für Tiefe und Harmonie verspricht.
Mit diesen drei Kategorien – Kellerbier, Craftbier und Rauchbier – war die Bühne bereitet. Nun galt es noch, die passende Zigarre zu finden, die dem jeweiligen Bier auf Augenhöhe begegnen kann.
Die Auswahl fiel auf folgende Zigarren:
- Bamberger Kellerbier von Klosterbräu → Romeo y Julieta Short Churchill
Für den Einstieg fiel die Wahl auf das klassische Kellerbier, wie man es auf jedem Bamberger Keller bekommt. Süffig, mild und harmonisch – ein Bier für den Alltag und für den Genuss ohne großen Aufwand. Dazu sollte die Romeo y Julieta Short Churchill mit ihrem milden, cremigen Profil und dezenten Würznoten perfekt passen. Die sanfte Zigarre ergänzt das weiche Malz des Bieres, ohne dass eines der Genussmittel das andere überlagert. Ein Einstieg, der Lust auf mehr machen soll und die Sinne sanft auf das Pairing-Erlebnis einstimmt. - Weiherer Fat Head IPA → Oliva Serie V Lancero
Für das zweite Pairing sollte es etwas moderner und hopfenbetonter sein. Das Weiherer Fat Head IPA aus Oberfranken, genauer gesagt aus Viereth-Trunstadt, einer kleinen Gemeinde, rund 10 km nordöstlich von Bamberg gelegen. Dieses Bier bringt fruchtige und leicht bittere Noten mit, die eine mittelkräftige Zigarre benötigen, um die Balance zu halten. Hier kommt die Oliva Serie V Lancero ins Spiel: schlank, würzig und nussig, entfaltet sie ihre Aromen gleichmäßig und harmoniert im Idealfall mit den fruchtigen Hopfenaromen des IPAs. Die Kombination ist elegant, spannungsvoll und soll zeigen, wie Craftbier und Zigarren moderne Genussmomente verbinden können. - Spezial Rauchbier → Horacio Colosso
Zum Abschluss durfte es kräftig werden. Das Spezial Rauchbier, bekannt für seine intensiven, rauchigen Aromen, verlangt nach einer Zigarre, die sich behaupten kann. Die Horacio Colosso mit ihrem erdigen, würzigen und vollmundigen Charakter ist dafür ideal. Beide Partner treten auf Augenhöhe auf: Das Rauchbier soll die Zigarre unterstützen, die Zigarre im Idealfall das Bier unterstreichen – ein Duo, das Kraft, Tiefe und Charakter vereint.
Die Verkostung
Für das Verkostungssetting stand ein ganzer Nachmittag und Abend zur Verfügung – Zeit, die man bei drei Zigarren und dazugehörigen Getränken eben braucht, wenn man sich nicht mit halben Genüssen zufriedengeben will. Die Biere wurden aus Ermangelung an Tastinggläsern in Weißweingläsern serviert. Nicht optimal, aber dennoch vollkommen zufriedenstellend und ausreichend, damit sich die Aromen voll entfalten können.
Und auch jede Zigarre soll ihren eigenen Raum bekommen, um sich öffnen und zeigen zu können. So konnte man ganz in Ruhe den Duft einfangen, den Anzündmoment genießen und jedem Zug die Aufmerksamkeit schenken, den er verdient. Für Kenner mag das selbstverständlich klingen, aber gerade in solchen Momenten merkt man, dass Geduld und Muße nicht nur Tugenden, sondern Teil des Genusses sind – ein kleiner Marathon der Sinne, der am Ende umso befriedigender belohnt wird.
Erster Akt:
Das Bamberger Kellerbier präsentierte sich mit einem feinporigen, leicht rauchigen Schaum, vollmundig und dabei herrlich süffig. Im Geschmack kamen süße, florale Malznoten zum Vorschein – ein milder, aber charaktervoller Auftakt, der Lust auf mehr weckte.
Die Romeo y Julieta Short Churchill, die ich dazu genoss, bewies eindrucksvoll, warum sie als klassischer Kubaner geschätzt wird. Sie zeigte schon beim ersten Zug ihren eleganten, cremigen Charakter – harmonisch, sanft und damit eben typisch Romeo y Julieta. Im Verlauf des Abbrands entfalten sich Aromen von Nuss, Leder, geröstetem Kaffee, Vanille, Kakao und feinen Gewürzen, begleitet von einem tragenden Grundton aus Zeder und Honig – ein Profil, das sowohl Kenner als auch Liebhaber kultivierten Geschmacks begeistert. Diese Entwicklung – von floraler Süße über nussige Tiefe bis hin zu cremiger Kakao-Note – harmonierte wunderbar mit den floralen Malznoten des Kellerbiers. Der sanfte Rauch der Short Churchill ergänzte das Bier, ohne es zu überlagern, und verlieh dem Pairing eine elegante Tiefe. Als Fazit lässt sich nur feststellen: Diese Kombination ist sehr gelungen und ergänzt sich optimal.
Zweiter Akt:
Die Oliva Serie V Lancero in Kombination mit dem Weiherer Fat Head IPA.
Ich hatte mir für dieses Duo einiges vorgenommen: Ein fränkisches Craftbier mit Charakter, elegant serviert – und dazu eine Oliva Serie V Lancero, eine Zigarre, die ich bereits von vorherigen Smokes als Hochgenuss in Erinnerung hatte. Der erste Schluck des IPAs bestätigte das Potenzial: Fruchtige Hopfenaromen, gepaart mit einem Hauch Aprikose und einer Note Zitrus, getragen von einer ausgeprägten Bitterkeit, ließen erkennen, dass diese Kombination alles andere als gewöhnlich sein würde.
Dann kam der erste Zug – und obwohl die Oliva unterwegs ihre nussig-schokoladige-lederne Eleganz zelebrierte, war ich überrascht: Das Zusammenspiel wirkte... gut. Nicht enttäuschend, nicht großartig, einfach „nur“ gut. Vielleicht lag es an den Erwartungen, die – wie so oft – mit von der Partie waren, oder an der Intensität des IPAs, die der zarten, schlanken Form der Lancero immer ein Stück weit voraus war. Die feine Pistazien-, Muskat- und Nougatnote der nicaraguanischen Zigarre kam durchaus zum Vorschein – aber nicht in der gesamten Tiefe, wie man es erhofft hatte.
Um es nicht falsch darzustellen: Das Aroma der Zigarre war wunderbar, der Zug und das Rauchverhalten einwandfrei – aber das Zusammenspiel wirkte ein wenig wie ein gut inszenierter Solist ohne Orchester. Die Oliva zeigte ihren klassischen Mittel- bis Vollmund-Charakter, die komplexe nicaraguanische Mischung mit Noten von Espresso, dunkler Schokolade, Holz, lederner Würze und Nougat war klar erkennbar. Doch im direkten Duett mit dem kräftigen IPA entstand kein echtes Duell oder Dialog – eher eine respektvolle Begleitung, die dem Bier nicht ganz das Wasser reichen, dem Rauchgenuss aber auch nicht wirklich gerecht werden konnte.
Am Ende war es in der Gesamtschau betrachtet zwar ein gelungenes, aber eben auch lehrreiches Pairing – eines, das zeigt: Nicht jede Kombination entfaltet ihr ganzes Potenzial, wenn Erwartungen zu hoch gesetzt sind. Für eingefleischte Fans nicaraguanischer Zigarren bleibt sie ein Klassiker – und vielleicht muss man der Oliva Serie V Lancero einfach einen anderen Bierpartner gönnen, um die Magie vollumfänglich zu erleben.
Grande Finale:
Das Zusammenspiel der Horacio Colosso und dem typischen Bamberger Rauchbier.
Der Name der Zigarre verrät es bereits: hier haben wir es nicht mit einem filigranen Tänzer, sondern mit einem ausgewachsenen Schwergewicht zu tun. Die Horacio Colosso bringt Format und Kraft mit – und genau das braucht es, wenn man einer Zigarre ein Bamberger Rauchbier gegenüberstellt. Dieses Bier ist schließlich kein schüchternes Getränk, sondern ein geschmacklicher Paukenschlag: dunkel, malzig, mit dieser unverkennbaren, speckigen Rauchigkeit, die schon beim ersten Schluck klar macht, wer hier den Ton angeben will.
Doch siehe da – die Colosso lässt sich nicht einschüchtern. Mit ihren erdigen und ledrigen Grundnoten, einer leichten Süße und einer Portion Würze tritt sie selbstbewusst auf. Während das Rauchbier die Nase mit seiner wuchtigen Aromatik füllt, bleibt die Zigarre standhaft, entwickelt sich gemächlich und entfaltet im Rauchverlauf ihre Tiefe. Man könnte fast sagen: Hier begegnen sich zwei Charakterköpfe auf Augenhöhe – kein Duell, sondern ein kerniger Dialog.
Am Ende bleibt der Eindruck einer kraftvollen, aber harmonischen Kombination. Nicht ganz so subtil-elegant wie die Romeo y Julieta mit dem Kellerbier, doch deutlich ausgewogener und überzeugender als das Duett aus IPA und Lancero. In meiner persönlichen Rangliste landet dieses Pairing damit verdient auf Platz zwei des Abends – ein Erlebnis für jene Momente, in denen es ruhig ein bisschen mehr sein darf.
Fazit und Ausblick
Natürlich wäre es vermessen zu glauben, man könne mit drei Zigarren und drei Bieren das gesamte Universum möglicher Kombinationen erschließen. Was hier geschildert wurde, ist nicht mehr als ein kleiner Streifzug, ein Appetizer gewissermaßen – exemplarisch, aber sicher nicht abschließend. Doch genau darin liegt der Reiz: Zigarren und Bier sind auf den ersten Blick vielleicht ein ungleiches Paar, aber sie haben mehr gemeinsam, als man denkt. Mal ergänzen sie sich wunderbar, mal stolpern sie ein wenig übereinander – und gerade diese Überraschungen machen den Charme aus.
Mein Wunsch ist, dass dieser Bericht Nachahmer findet. Nicht, weil man damit das endgültige, „richtige“ Pairing entdeckt, sondern weil der Weg selbst Spaß macht und Freude bereitet: das Entdecken, Probieren, Vergleichen, Staunen – und manchmal auch das ehrliche Eingeständnis, dass man es sich besser vorgestellt hatte. Mit einem Augenzwinkern gesagt: Wer nur nach den makellosen Hochzeiten sucht, verpasst die spannenden Dates dazwischen.
In diesem Sinne: Lasst uns die Kultur des Genusses weitertragen – ob mit Rum, Whiskey oder, warum nicht, einem fränkischen Kellerbier. Bamberg, und ich bin mir sicher auch andere Regionen, haben genug Stoff, um die Zigarrenkultur auch aus dem Bierglas neu zu beleben.
In diesem Sinne: Prost und Rauch frei!
PS: Fortsetzung folgt – dann vermutlich im Weinglas. Vielleicht erzählt die nächste Geschichte nicht von Braukesseln, sondern von fränkischen Bocksbeuteln…